“Auch in Wien gibt es Opfer”

Es ist ein Thema, über das eigentlich nicht gesprochen wird. Es ist ein Thema, das bis vor gar nicht allzu langer Zeit gar kein Thema war. Es ist Körperverletzung, von der nach Schätzungen der Weltgesundheitsorganisation (WHO) mindes­tens 150 Millionen Frauen weltweit betroffen sind. In Europa sind es 500.000 bedrohte oder betroffene Frauen, in Österreich 6.000 – 8.000 und in Wien 1.900 Frauen.

Das alles sind über den Daumen gerechnete Zahlen, die laut Experten in die Höhe schnellen würden, kennte man die Dunkelziffer. Die Rede ist von FGM, Female Genital Mutilation, oder auf Deutsch Weibliche Genitalverstümmelung, bei der die Sexualorgane teilweise bis vollständig entfernt werden. Eine vor allem im afrikanischen und arabischen Raum seit 5.000 Jahren selbstverständlich praktizierte Beschneidung, die trotz gesetzlicher Verbote noch immer nicht der Vergangenheit angehört. „Weibliche Genitalverstümmelung hat nichts mit Kultur, Tradition oder Religion zu tun. Sie ist Folter und ein Verbrechen, das bekämpft werden muss“, sagt Waris Dirie, UN-Sonderbotschafterin, ehemaliges Supermodel und Betroffene.

Ihre Geschichte, die nach der Vorlage ihres Buches „Wüs­tenblume“ in den Kinos Mil­lionen von Menschen berührte, war Auslöser für eine Vielzahl von Initiativen, um diese Körperverletzung zu stoppen. Auch in Wien gibt es seit einigen Jahren eine Anlaufstelle im Frauenberatungszentrum FEM Süd.

Aufklärung statt Tabuisierung

„Ja, auch in Wien gibt es Fälle von FGM“, bestätigt Umyma El Jelede, die mit großem Engagement in Arztpraxen, Krankenhäusern, Vereinen, Asylzentren und Integrationshäusern unterwegs ist, um Aufklärungsarbeit in verschiedenen Sprachen zu leis­ten. „Allerdings ist es nicht so, dass die Körperverletzung in Wien stattfindet. 90 Prozent der betroffenen Mädchen werden auf Sommerurlaub geschickt und wissen nicht, was sie erwartet“, weiß die Ärztin. Ihre Branchen­kollegen dagegen sind restlos überfordert, wenn sie mit einem verstümmelten Mädchen konfrontiert werden.  
Kein Wunder, auch im Medizinstudium wird der Mantel des Schweigens über dieses Thema gebreitet – und das nicht nur bei uns. Um das zu ändern, setzt sich die National­rätin und Initiatorin der Internetplattform www.stopfgm.net Petra Bayr intensiv dafür ein, dass unsere Ärzte mittels Workshops geschult werden. „Eine Studie über den Wissensstand von Ärzten über FGM war sehr ernüchternd. Doch ihr Interesse, sich in dem Punkt weiterzubilden, ist sehr groß.“
Aber auch wenn die Behandlung der Folgen (die die Frauen oft ein ganzes Leben lang Tag für Tag begleiten) sehr wichtig ist, steht die Prävention im Vordergrund. „Mein Ziel ist es, die Frauen darüber aufzuklären, dass FGM meist der Auslöser für ihre gesundheitlichen Probleme ist. Sie darüber zu informieren, dass weibliches Lustempfinden kein Fremdwort sein muss, das schon in der Kindheit brutal präventiv gelöscht werden muss. Sie davon zu überzeugen, dass sie ihren Kindern nicht dasselbe antun müssen, was sie selbst erfahren haben“, sind  sich Umyma El Jelede, Petra Bayr und Hilde Wolf, Leiterin des FEM Süd, einig.  

* FEM Süd, Kaiser-Franz-Josef-Spital, Tel.: 601 91-5201

Mit einer Unterstützungserklärung auf www.stopfgm.net helfen Sie im Kampf gegen die Verstümmelungen!

Rechtliche Situation

Die Verstümmelung der weiblichen Geni­talien ist in Österreich gesetzlich verboten. Sie erfüllt  den Tatbestand schwerer Körperverletzung und gilt als grobe Menschenrechtsverletzung. Das bedeutet, dass weder Eltern für ihre Kinder noch eine volljährige Frau für sich selbst mit strafbefreiender Wirkung in die Genitalverstümmelung einwilligen können. Die Tat ist für Staatsbürger auch bei Begehung im Ausland  strafbar.

  • Adresse: Kaiser-Franz-Josef-Spital, 1100 Wien

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