Befreiendes Hinschauen

Wenn Ärztin ­Brigitte Humer-Tischler Hausbesuche macht, trägt sie keinen weißen Mantel. Sie setzt sich zuerst an das Kinderbett und beginnt ihre Behandlung mit einer Yoga­übung. "Ich versuche zu spüren, wie sich das Kind fühlt, bevor ich es untersuche.“ Die ärztliche Leiterin des seit 2005 bestehenden Kinderhospiz-Vereines NETZ braucht keinen weißen Mantel, um sich "zu schützen“, sondern legt großen Wert darauf, sie selbst zu sein und die Familie an die Spitze ihrer Arbeit zu ­stellen.

Persönlicher Zugang wichtig

Neben der ärztlichen Behandlung steht die ehrenamtliche Unterstützung innerhalb der  Familien im Vordergrund, bis hin zur Trauerbegleitung. Alle Dienstleistungen werden kostenfrei garantiert, weshalb der Kinderhospiz-Verein NETZ auf Spenden ­angewiesen ist. Die 41-Jährige wusste schon während des Studiums, dass sie im ganzheitlichen Palliativ Care ihre Berufung finden würde. Den Turnus absolvierte die Ärztin zum Teil in Ostafrika, wo es selbstverständlich ist, dass Kinder in den Händen der Mutter sterben und nicht im sterilen Krankenhaus.
"Wenn Spitalsärzte zu wenig über die Familiensituation wissen, wird die Entlassung sterbenskranker Kinder erschwert“, gibt die Vereinsleiterin zu verstehen. Sie bemüht sich, auch Experten einzubinden, die einen indi­viduell geforderten juris­tischen Rahmen für die Betreuung zu Hause und das Sterben einrichten.
"Mütter schaffen es oft nicht, die Dimension der Krankheit ihrer Kinder nach außen zu kommunizieren. Während unbelastete Gleichaltrige über Mode sprechen, bleibt ein Kind mit einem sterbenskranken Geschwister mit seinen Ängsten und Gedanken an Krankheit allein. Ehrenamtliche sind die unbelasteten Ansprechpersonen, die alle Fragen der Kinder anhören können“, so die Koordinatorin der Ehrenamtlichen, Sabine Reisinger.
Brigitte Slater ist eine der Freiwilligen und zweimal pro Woche im Einsatz. Die ehemalige Buchhändlerin betreut drei gesunde Geschwister einer Wachkoma-Patientin. Die 58-Jährige macht mit den Kindern vor allem Hausübungen, nebenbei bringt sie ­ihnen die Welt der Bibliotheken näher. Wegen ihrer kumpelhaften Strenge lieben sie die Kinder und begrüßen die humorvolle Pensionistin schon im Treppenhaus.

Mehr Infos zum Kinderhospiz

Innerhalb eines Halbjahres erlernt man ­medizinisches und pflege­risches Basiswissen, sammelt Selbsterfahrung und spricht mit Betroffenen. Ein Info-Abend findet im September statt.
Kinderhospiz-Verein NETZ, Büro in der Breitenseer Straße 19/27, 1140 Wien, Tel.: 0664/73 40 26 40, E-Mail: kontakt@kinderhospiz.at. Der Verein ersucht um Spendenhilfe über ­die BAWAG, Kto.-Nr. 17210 804 897.

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