Bundespräsident Heinz Fischer im Interview

Nicola Schwendinger: Ich fang an mit der Frage nach Heinz aus Wien
und
ihrem Song in dem der Refrain lautet „Es wäre falsch sich auszuruhen,
denn es
gibt noch viel zu tun" – eine schöne Textzeile, was gibt es nach dem 25.
April zu
tun für Österreich im In- und Ausland?

Bundespräsident Heinz Fischer

Ich glaube, in unserem Land gibt es eine wirklich große Fülle
von Aufgaben, das ist einerseits die Konsequenz der Wirtschafts- und
Finanzkrise, die wiederum hängt zusammen mit der Budgetgestaltung und
mit der Frage, wie man optimalerweise Einnahmen und Ausgaben des
Staatshaushaltes
in Relation zueinander bringt, gleichzeitig aber den sozialen
Zusammenhalt
unserer Gesellschaft nicht aus den Augen verliert. Wir haben das breite
Aufgabengebiet im Bereich Wissenschaft/ Bildung. Dort müssen sehr harte
Anstrengungen unternommen werden, um wirklich spitze zu werden oder
näher an die Spitze heranzukommen.  Die Liste ist noch lange nicht
vollständig. Für
den Bundespräsidenten ergeben sich daraus natürlich auch Konsequenzen.
Nicht
nur die verfassungsmäßigen Aufgaben, die jahraus, jahrein zu erfüllen
sind, und
der Machtausgleich an der Staatsspitze, indem viele Entscheidungen
Eegenzeichnungen benötigen oder Antragsstellungen notwendig machen,
sondern
auch die Mitarbeit an diesen Fragen.

Dieter Chmelar: Der Song klingt also lustiger, als der Alltag ist
hier
in Österreich?

Bundespräsident Heinz Fischer
Ja, lustig ist der Alltag in der Politik selten, obwohl man
natürlich auch ein bisschen Raum für Spaß und Freude und solche Dinge
lassen
muss, aber es sind schon sehr ernste Aufgaben.

Dieter Chmelar: Ich bin diesem Duo für den Spaß zuständig, und
ich weiß, Sie sind ein Mann, der z.B. auch auf seine Fitness schaut,
das greif ich gleich auf. Sie sind ein, wie
nennt man das, "Kieserianer"?

Bundespräsident Heinz Fischer
Darüber habe ich noch nicht nachgedacht, und ich würde das auch
gar nicht in den Mittelpunkt stellen. Ich glaube einfach, man soll
vernünftig
leben, man soll sich gesung ernähren, man soll viel Bewegung machen. Ich
perönlich habe das Privileg, dass ich kein Raucher bin, ich bin ein
begeisteter Wanderer und Bergsteiger. Ich glaube, dass das wirklich
sehr, sehr schön ist und
auch hilfreich ist für die Fitness, und ich gehe zu Kieser.

Dieter Chmelar: Das sollte man erklären, der Kieser ist
eigentlich ein ganz spartanischer Fitness-Apostel.

Bundespräsident Heinz Fischer  
Er ist ein Schweizer Fitness Apostel, dessen Philosophie sich
in vielen Ländern Europas durchgesetzt hat. Ich will natürlich jetzt
keine Reklame machen, aber mir tut das sehr gut. Ich bin mit meiner Frau
dort
wirklich schon Stammkunde. Wir haben das eisern im Kalender stehen. Wenn
man die geräte zu ehrgeizig einstellt, hat man einen Muskelkater , aber
wenn man
regelmäßig geht, macht sich das sehr wertvoll bemerkbar….man fühlt
sich gut.

Dieter Chmelar: Gestatten Sie mir einen aktuellen Einwurf. Sie
sind der erste Mann im Staat und sind offensichtlich für alles
zuständig. Es
gibt auch, um das Wort zuständig aufzugreifen, genug Zuständ´ in so
einem Land
wie Österreich. Heute hab ich erfahren, dass ein 3jähriger Bub nach
Griechenland abgeschoben wird, der nicht einmal ein Wort Griechisch
spricht. Ferner ist virulent nach wie vor der elendslange
menschenverachtende Fall Zogaj – Dafür sind Sie natürlich nicht direkt
zuständig, aber Sie nehmen
natürlich Anteil an dem, was passiert, und Sie haben Ihre Haltung dazu.

Bundespräsident Heinz Fischer
Also, der Fall Zogaj ist natürlich ein Thema seit Jahren. Ich
habe fast mit ähnlichne Worten wie der Herr Kardinal zu Weinachten in
einer Fernsehsendung dazu Stellung genommen. Momentan ist das in einem
sehr heiklen Stadium und wird wahrscheinlich
vor dem Verfassungsgerichtshof anhängig gemacht. Die Entscheidungen des
Verfassungsgerichtshofs muss man abwarten, und da gibt es keinen Anlass
hier Kommentare
abzugeben, wenn etwas vor dem Verfassungsgerichtshof anhängig ist.

Den
anderen Fall kenne ich nicht. Ich hoffe nur, dass man in die
rechtsstaatlichen Verfahren in Österreich Vertrauen haben kann.
Natürlich
passiert immer wieder etwas, wo auch im Rechtssataat ein Fehler passiert
oder
ein mahnendes Wort notwendig ist. Es gibt ja Beispiele, die auch in den
Medien breit berichtet worden sind. Aber ich bin ein Anhänger des
Rechtstaates
und ein Anhänger  der Einhaltung
rechtsstaatlicher Spielregeln, z. B. auch in Bezug auf Kärnten.

Dieter Chmelar: Es ist auch enorm viel Emotion im Fall Zogaj.
Das hat
zum Teil Dinge an die Oberfläche gespült, die wir eigentlich längst für
vergangen oder verklungen hielten. Es gibt schon sehr prononcierte, zum
Teil
sehr aggressive Stellungnahmen.

Bundespräsident Heinz Fischer
Ja, kann man auch in Leserbriefen lesen…

Dieter Chmelar: Woran mag das liegen, dass Menschen, die
anonym Stellung
bezogen haben, auch gerne mittlerweile ihren Namen dzustellen?

Bundespräsident Heinz Fischer
Ich glaube, Aggression hat in vielen Fällen mit Angst zu
tun.

Dieter Chmelar: Wovor?

Bundespräsident Heinz Fischer
Vor Fremden, vor fremdem Kulturen, vor fremden Religionen,
vor fremden Menschen. Das ist ja nicht ein Phänomen, das auf Österreich
beschränkt ist. Wir müssen mit diesem phänomen verantwortungsbewusst
umgehen. Einerseits indem man wirklich für Sicherheit sorgt und der
Sicherheit
einen entsprechneden Stellenwert gibt, indem man begründete Sorgen ernst
nimmt. Und andererseits, indem man wirklich Haltung hat und das
europäische Menschenbild und unseren Wertekanon 
ernst nimmt. Und zu dem gehört nun einmal, dass wir gegen jede Form von
Diskriminierung sind, von Vorverurteilung sind, dass wir Menschen nicht
nach
ihrer Staatsbürgerschaft oder nach ihrer Hautfarbe beurteilen. Also
diese
beiden Dinge muss man beide entsprechend ernst nehmen. Die Vorsorge und
die Sicherheit und Korrektheit in Bezug auf das System der Zuwanderung
und das Ablehnen von Schleppern und von Menschenhandel usw. und
andererseits aber den Respekt vor Menschen, die anders ausschauen oder
anders sprechen. Beides ist
wichtig.

Nicola Schwendinger: Ihr Wahlmotto lautet ja, unser Handeln braucht
Werte. Sie haben auch gesagt, auf ein Österreich, worauf wir stolz sein
können,
worauf können Herr und Frau Österreicher Ihrer Meinung nach besonders
stolz
sein?

Bundespräsident Heinz Fischer
Ich glaube, wir können auf vieles stolz sein. Ich finde Österreich
ist ein wunderschönes Land und Österreich hat Ansehen in der Welt.
Worauf ich als politisch interessierter Mensch besonders stolz bin, ist
z.B. die Tatsache, dass ich den Eindruck habe, dass wir wirklich etwas
aus der Geschichte der Zwischenkriegszeit gelernt haben. Also ich
brauche Ihnen ja
nicht zu schildern, wie das in Österreich in den 20er- und 30er-Jahren,
in der Zeit
der Großeltern war. Hass, Aggression
bis hin zum Bürgerkrieg, und damit auch der Boden bereitet für die Zeit
des Nationalsozialismus.

Vor diesem Hintergrund ist die 2. Republik,
also
das Österreich von heute wirklich eine Erfolgsstory. Es ist ein
friedliches Land, es ist ein Land, wo die Fähigkeit besteht, Kompromisse
zu finden, wo es
eine imponierende Aufbauleistung gibt und wo wir auch bemüht sind Kultur
und Wissenschaft einen entsprechenden Stellenwert zu geben. Auf das
alles bin
ich stolz und ich bin auch auf einzelne Menschen  in unserem Land stolz
und ich bin auch auf moderne kuturelle Leistungen stolz. Ich habe
gestern z.B. ein Werk gehört einer ganz jungen
österreichischen Komponistin, Frau Doderer , die wirklich durch
hervorragende
musikalische Kompositionen hervortritt, da hab ich mir gedacht, schau,
dass
das möglich ist, das gefällt mir. Es war auch ein tolles Publikum in der
Hofburg, das sich diese moderne Musik von Frau Doderer begeistert
angehört hat. Also es gibt schon viele Dinge auf die man stolz sein
kann.

Nicola Schwendinger: Weil sie gesagt haben, Sie sind auch auf
einzelne Menschen stolz: Gibt es, was Werte und Moral anbelangt,
Persönlichkeiten, die Sie bewundern ?

Bundespräsident Heinz Fischer
Also ich habe Kardinal König sehr geschätzt in seiner
gesamten Persöndlichkeit und in seinem gesamten Wesen. Ich habe ihn auch
gut
gekannt und er war auch öfter bei uns zuhause, da hat sich die
Gelegenheit
für viele Gespräche gegeben. Es gibt aber auch heute Leute, die z.B. im
Flüchtlingswesen  heroische Arbeit
leisten und sich wirklich um Menschen kümmern, denen es sehr sehr
schlecht geht
und die in der Caritas, Volkshilfe oder als Einzelpersonen oder in der
evangelischen
Diakonie tätig sind. Es gibt auch Sportler, die wirklich super sind und
es gibt Wissenschaftler von Weltruf. Man findet schon ganz schön viele
Leute, auf die
man stolz sein kann.

Dieter Chmelar: Oscarpreisträger!

Bundespräsident Heinz Fischer
Auch im Film, sehr richtig.

Dieter Chmelar: Ich finde übrigens, das ist ein toller
Botschafter Österreichs, der Christoph Walz.

Bundespräsident Heinz Fischer
Ja, ich war vor wenigen Tagen in Graz bei einem Filmestival, wo
auch Brandauer ausgezeichnet wurde und habe mich mit ihm ein bisschen
unterhalten über den gegenwertigen Film und es ist ein wirklich
blühendes Gewächs, der österreichische Film der da oder das da
heranreift.

Dieter Chmelar: Ich habe mehrfach den Walz gesehen in
US-Talkshows – er
kann perfekt englisch, hat Selbstironie drauf, einen guten Schmäh…

Bundespräsident Heinz Fischer
Film aus Wien hat in den USA sich schon begonnen
durchzusetzen, durch jene Menschen, die 1938 Österrecih leider unter
tragischen Umständen verlassen mussten, aber dann in der Film und
Musikwelt der Vereinigten Staaten eine tolle Karriere gemacht haben.

Dieter Chmelar: Auf das Stolzsein wollte ich noch Bezug
nehmen. In
dem Wahlkampf, der bevorsteht, haben wir es auch mit einer Kanditatin zu
tun, bei der geht es auch z.B. ein wenig um die Haltung zur Kirche. Sie
haben vorhin Kardinal König erwähnt. Sie selbst sind 1995 aus der
kirche ausgetreten , aus
einem betimmten Anlass?

Bundespräsident Heinz Fischer
Das war Groer.

Dieter Chmelar: Das wäre heute um Vitasek zu zitieren:
Schade, dass ich
schon ausgetreten bin, jetzt könnte ich es noch einmal machen. Sie sind
ja
nicht Atheist, sondern Agnostiker.

Bundespräsident Heinz Fischer
Ja, dieses Wort hat Bruno Kreisky geprägt und damit zum Ausdruck
gebracht, er schätzt den Wert der Religion, aber er ist nicht überzeugt
davon, dass man das, was die einzelnen Religionen verkünden, wirklich
mit Sicherheit als bewiesen annehmen kann. Er hat sich die Möglichkeit
des Zweifels
oder die Möglichkeit seiner Antworten auf letzte Fragen selber zu
formulieren,
offen gehalten und das hat mir imponiert und ich habe das ähnlich
gefühlt. Ich
bin in den Religionsunterricht gegangen, ich habe im Kirchenrecht eine
Auszeichnung gehabt während meines Studiums, aber ich habe diesen
Begriff, dass
man über letzte Dinge nicht mit letzter Sicherheit und beweisbar
entscheiden
kann – das hat meine innere Haltung ganz gut wieder gegeben. Was aber
nicht
hindert, dass man eine Religion als etwas sehr Wichtiges und Nützliches
betrachtet oder mit Vertretern einer Religionsgemeinschaft ein gutes und
respektvolles Verhältnis hat. Das glaube ich, kann ich auch auch in
Bezug auf
den jetzigen Kardinal so beschreiben und darum halte ich ihm die Daumen,
dass Bemühungen, um die Dinge, die in letzter Zeit aufgebrochen sind,
auf eine ganz
überzeugende, offene, ehrliche Art bewältigt werden können. Das wünsche
ich
ihm und ich glaube das wäre nicht nur gut für eine bestimmte
Religionsgemeinschaft, sondern für unser ganzes Land.

Dieter Chmelar: Auf eine christliche Art, hätte man da
noch ergänzen
können. Geben Sie ihm da Tipps, Ratschläge, reichen Sie ihm da die Hand?

Bundespräsident Heinz Fischer
Nein.

Dieter Chmelar: Sind Sie mit ihm in Kontakt?

Bundespräsident Heinz Fischer
Ja, zuletzt gestern und wir haben auch darüber gesprochen,
aber es wäre völlig falsch zu sagen Tipps oder sonst etwas. Es ist
einfach
ein Gespräch über ein ernstes Thema und ein Gedankenaustausch und ich
sag nocheinmal – ich habe auch in einem Zeitungsinterview vor ein paar
Tagen gesagt – ich habe
das Gefühl, dass es hier um das ernsthaft Bemühen um eine völlig
ehrliche und
tiefreichende Aufklärung und Aufarbeitung geht. Das unterstütze ich
natürlich, ohne dass ich mich irgenwie einmischen kann, will oder soll,
was
mir nicht zusteht.

Nicola Schwendinger: Da möchte ich kurz einhaken. Ich haben auch die
Menschen in den letzten Tagen gefragt: Was würden Sie den
Bundespräsidenten
fragen? Bei mir ist sehr häufig gekommen: Wie entscheiden Sie, welche
Themen
sie kommentieren und wozu Sie nichts sagen?

Bundespräsident Heinz Fischer
Ein bisschen hilft mir da meine Jahrzehnte lange politische Erfahrung
und mein politisches Gespür. Ich hab ja einen sehr engen Kontakt
z.B. mit Bundespräsident Kirschläger gehabt, bin sehr befreundet gewesen
mit
ihm auch mit seiner Frau, mit der ganzen Familie und hab ihn sehr genau
beobachtet: was er tut und was er nicht tut. Es gibt bestimmte Themen,
wo
ich glaube, dass  von vornhinein
feststeht, dass man präsent sein muss. Das sind grundlegende Fragen der
Staatspolitik, Verfassungsprobleme, wichtige außenpolitische Themen, das
Thema Neutralität, bestimmte Fragen der Geschichtsbetrachtung, der
Aufarbeitung
unserer Geschichte, des Beziehens von Positionen, die wichtig sind in
Bezug auf
die Frage: Wo kommen wir her und was sind wir Österreicher? Das sind
alles Themen, wo ich von vornherein entschlossen bin, Position zu
beziehen und mir
manchmal dazu eigens eine Gelegenheit schaffe, indem ich einlade zu
einer Veranstaltung, wo man dann ein bestimmtes Statement abgeben kann.
Und
zweitens, dort wo ich glaube, dass man ein bisschen Orientierung geben
kann,
also eben zu gewissen Wertefragen, zu betimmten Grundsätzen, zu
Menschenrechten und zu solchen Themen. Und dann muss man schon
vorsichtig sein,
weil wenn man zu häufig Stellung nimmt, nützt sich das ab.

Ich
glaube, dass
ich eher und häufiger Stellung nehme, als das frühere Bundespräsidenten
getan
haben, aber da ich früher Nationalratspräsident war und in dieser
Position noch
öfters politische Stellungnahme abgegeben habe, haben vielleicht manche
das Gefühl, warum sagt er dazu nichts und warum sagt er dazu nichts.
Gleichzeitig
ist mir aber völlig klar, dass viele Themen natürlich parteipolitisch
sehr
umstritten sind und dem Verlangen, der Bundespräsident sollte etwas
sagen, steht
dann unweigerlich die andere Position gegenüber, warum mischt er sich da
ein,
warum nimmt er dazu Stellung. Also wenn ich z. B. sage oder gesagt habe,
ich bin
für ein gerechtes Steuersystem und ich glaube, dass man die hohen
Einkommen  in entsprechendem Ausmaß
für Besteuerung heranziehen muss, hat es schon die Reaktion gegeben,
wieso
mischt sich der Bundespräsident in die Steuerpolitik ein, es geht ihn
doch
nichts an. Ich habe es so gesehen, dass es nicht eine Einmischung in die
Steuerpolitik ist, sondern der Grundsatz, dass es eine gerechte
Belastungsverteilung geben muss in der Gesellschaft. Aber ich sage noch
einmal,  zu oft soll man das
nicht machen, sonst wertet man das ab, und es kommen ja noch
Stellungnahmen zu
außenpolitischen Fragen dazu oder Stellungnahmen in einem Gespräch, wie
wir es
jetzt gerade führen. Wenn sich jemand noch häufigere Stellungnahmen  des
Bundespräsidenten wünschen würde,
glaube ich nicht, dass das ein guter Rat wäre.

Dieter Chmelar: Wir haben einen heißen Wahlkampf offenbar vor
uns in
diesem Bundespräsidentschaftwahljahr. Wir haben noch gar nicht den Namen
der
anderen Kanditatin fallen lassen, haben sie sich das zur Usance gemacht,
dass
sie über die Gegenkanditatin nicht sprechen?

Bundespräsident Heinz Fischer
Nein, das ist keine Usance. Ich werde auch gar
keinen heißen Wahlkamp führen ehrlich gesagt, sondern ich werde meine
Aufgaben
als Bundespräsident weiter wahrnehmen, das muss ich ja auch. Diese Woche
habe
ich den kroatischen Staatspräsidenten 
zu Besuch gehabt, übernächste Woche kommt die schweizerische
Bundespräsidentin, dazwischen gibt es viele andere Termine, die ich als
Bundespräsident wahrnehmen muss.

Darüber hinaus bemühe ich mich,
auf die Bundespräsidentenwahl aufmerksam zu machen, um eine
entsprechende Wahlbeteiligung zu bieten, weil ich glaube, dass die
Österreicher sich das Wahlrecht schwer genug erkämpft haben, und es
jetzt nicht wegwerfen sollen
durch eine Nichtteilnahme an der Wahl oder durch  weiße Stimmzettel,
oder durch ungültig gemachte Stimmzettel. Das steht für mich im
Vordergrund und an zweiter Stelle steht für mich, gewisse Haltungen,
gewisse Werte, gewisse Prinzipen zu vermitteln und damit ist für
sonstiges gar nicht mehr viel Platz. Aber das ist keine prinzipielle
Frage,
sondern das ergibt sich ganz einfach aus meinem Zugang zum 25. April
bzw. zum 8. Juli, weil meine Amtszeit, als gewählter Bundespräsident
reicht ja bis zum 8 Juli. 

Dieter Chmelar: Dennoch kann man nicht ganz ausblenden, dass
es
schärfere Töne gibt, als in früheren Wahlkämpfen.

Bundespräsident Heinz Fischer
Nicht von mir.

Dieter Chmelar: Ja, ja, ein Phänomen im Land. Sind sie
gewappnet,
fürchten Sie dass da z. B. immer wieder hervorgekramt
wird,
dass Sie nach wie
vor Parteipoltiker wären in Ihrer Seele? Ich halte es für einen
abstrusen Vorwurf , aber das werden Sie selbst kommentieren. Dass sie
auch einmal Präsident der österreichisch-nordkoreanischen Gesellschaft
waren als hätten Sie dort Kim Jong Il an die Brust gedrückt. Aber sagen
Sie selbst. Ich glaube Sie haben ihn nicht gefeiert.

Bundespräsident Heinz Fischer
Ich war nie Präsident dieser Gesellschaft, sondern wenn es Sie
interessiert, erzähle ich Ihnen, dass Österreich, als Kirchschläger
Außenminister und Kreisky Bundeskanzler war, Anfang der 70er Jahre –
haben wir beschlossen, hat
die Regierung beschlossen, und hat der Nationalrat beschlossen, dass wir
diplomatische Beziehungen zu China und Nordkorea aufnehmen. Das war
damals ein Beschluss, der ist ausgeführt worden. Nachdem diese
diplomatischen Beziehungen
augfenommen worden waren, haben wir einen Botschafter dorthin geschickt
nach Peking, der auch in Nordekorea mit akkreditiert  war. Dann haben
wir Handelsbeziehungen aufgenommen und
dann haben wir Gesellschaften gegründet, so genannte
Freundschaftsgesellschaften
zur Förderung der Beziehungen zwischen Österreich und China und
Österreich und Nordkorea, so wie es jetzt 80 oder 100 andere solcher
Gesellschaften gibt. In diesen beiden Gesellschaften, waren
Sozialdemokraten drinnen, darunter der Heinz Fischer und andere und es
waren auch Vertreter  der Österreichischen Volkspartei drinnen und das
war es.

Dieter Chmelar: Das gilt als Ihre dunkle Vergangenheit….

Bundespräsident Heinz Fischer
Ja, ja, das ist ja das größte Kompliment für mich. Weil wenn
man nichts anderes findet, als das, was ich vor 37 Jahren – wie manche,
die
das jetzt ausgraben, noch gar nicht auf der Welt waren – in diesen
beiden Gesellschaften Mitglied war, so wie der frühere ÖVP-Justizminister Klesatzky, also dann bin ich ganz locker
und
happy.

Dieter Chmelar: Also ich nehme an, so sehr wie Sie
Antifaschist sind,
sind Sie natürlich auch gegen jede andere Form von Extremismus am
linkesten Rand?

Bundespräsident Heinz Fischer
Ich bin in Ungarn eingeladen worden vor ein paar Jahren zu
einer Gedenkfeier zum 50. Jahrestag der Niederschlagung der ungarischen
Revolution im Jahr 56, weil ich damals als 18-Jähriger gegen die
Kommunisten
und gegen die russischen Panzer demonstriert habe mit einem Transparent
FREIHEIT FÜR UNGARN. Da war eine Veranstaltung im ungarischen Parlament
und
in der ungarischen Oper ist ein großes Plakat gewesen,
mit einem Foto, wo ich als 18-jähriger Demonstrant  mit "Freiheit für
Ungarn" sichtbar war. Das haben die irgendwo
aufgetrieben dieses Foto, haben es zu einem Plakat gemacht und haben es
dort
beim Eingang aufgestellt. Das ist meine Vergangenheit zum Thema
Kommunismus. Ich habe im Jahr 1961 einen oft zitierten Artikel über die
Verbrechen des Stalinismus geschrieben.

Dieter Chmelar: Im selben Jahr haben Sie gemeinsam mit dem
ehemaligen Finanzminister Lacina auch wesentlich dazu beigetragen, dass
ein
antisemitischer Uniprofessor endlich aus dieser Position  verschwinden
musste.

Bundespräsident Heinz Fischer
Sie meinen Borodajkewycz. Ja, das war, glaube ich,
ein oder zwei Jahre später, nicht 61, das war 63. Aber ich hab mich
immer,
geprägt von meinen Eltern, lupenrein für die Demokratie entschieden und
daher
war Faschismus und Nationalsozialsimus inakzeptabel und Stalinismus und
Kommunismus genauso.

Dieter Chmelar: Es scheint aber so gelegentlich der Eindruck,
dass
beispielsweise die bürgerliche Großpartei in diesem Land offenbar mehr
Berührungsängste gegenüber der Sozialdemokratie zeigt, als
beispielsweise dem
extremen rechten Rand.

Bundespräsident Heinz Fischer

Das glaube ich nicht, das sehe ich nicht so. Jedenfalls der ÖVP-Obmann,
der Vizekanzler Pröll, hat eine klare Stellungnahme gegenüber rechts
abgegeben und Andreas Kohl und der Präsident der Wirtschaftskammer und
viele
andere haben sich da sehr klar verhalten, also ich fühle mich da nicht
ungerecht behandelt.

Nicola Schwendinger: Sie haben vorher gesagt, wenn man Ihnen nichts
anderes
ankreiden kann, dann geht es Ihnen sehr gut. Was mir auch aufgefallen
ist in
den Geprächen in den letzten Tage, noch mehr als sonst, jeder scheint
sie zu mögen.

Bundespräsident Heinz Fischer
Jeder ist übertrieben…

Nicola Schwendinger: Meine Frage ist, ob sie überhaupt wahlkämpfen
müssen in
dem Sinn, denn man hat das Gefühl, es gibt so einen breiten Konsens. Ist
da
überhaupt ein wirklicher Wahlkampf nötig?

Bundespräsident Heinz Fischer
Also erstens ist auf jeden Fall ein echtes Bemühen notwendig
um eine vernünftige Wahlbeteiligung, das steht für mich fest. Zweitens
glaube
ich schon, dass demokratische Wahlen ja nicht nur darin bestehen, dass
man am Wahltag
einen Stimmzettel abgibt, sondern auch darin bestehen, dass man
bestimmte Themen wieder in den Vordergrund rückt und dass ich Ihnen z.B.
jetzt für dieses Gespräch zur Verfügung stehe und dass Sie Fragen
stellen.

Das Dritte ist, wahrscheinlich leben wir jetzt in einer
Zeit, wo
die Menschen gerne Sicherheit haben und wo Vertrauen wichtig ist und wo
Glaubwürdigkeit wichtig ist. Es ist einfach mein Ehrgeiz, ein
Bundespräsident zu sein,
zu dem man Vertrauen haben kann und der sich alles gut überlegt, um die
richtige Entscheidung zu finden. Da ist ein gewisses Maß an Vertrauen
entstanden, das
jetzt auf dem Prüfstand steht, wo ganz junge Leute in einer Rockband
sich
unheimlich nett und cool verhalten mir gegenüber, aber wo auch, wenn ich
in einem Haus der Barmherzigkeit Menschen, die dort Pflege finden,
besuche, wie die
strahlen und sich freuen. Ich erlebe jetzt viele so Momente, wo Menschen
Wertschätzung und Zuneigung zum Ausdruck bringen und das ist eine
unglaubliche Stütze für die Zeit der Wahlwerbung. Natürlich gibt es auch
grausliche Dinge, werden Dinge behauptet und erfunden, aber das muss
man halt aushalten und das
ist ein Preis, den man mitbezahlen muss, wenn man eine sehr exponierte
Aufgabe
übernehmen will.

Nicola Schwendinger: Hatten sie auch einmal Zweifel, ob sie wieder
kandidieren wollen ?

Bundespräsident Heinz Fischer
Zweifel ist nicht der richtige Ausdruck, aber es hat ja in
den Medien die Diskussion gebeben, wer könnten die Kandidaten bei der
Wahl im April sein. Die hat ja schon mindestens ein Jahr vorher
begonnen, und da hab ich
mir Zeit gelassen, ich habe mir gedacht das genügt, wenn das  im Herbst
entschieden wird. Das hat
mir genug Zeit gegeben, alles abzuwägen und ich bin aber immer sicherer
geworden, dass es falsch wäre, nein zu sagen und sich vorhalten zu
lassen, dass
man davonläuft oder dass man es sich bequem machen will, daher habe ich
ja
gesagt.

Dieter Chmelar: Mittlerweile sind Ihnen nicht nur Menschen,
die
traditionell der SPÖ nahe stehen dankbar dafür, denn es ist diesmal
wirklich
ein Lagerwahlkampf, wie selten zuvor. Es gab immer wieder einmal obskure
Kandidaten. Nun ist es ein Lagerwahlkampf, denn sie stehen für ein
Österreich,
auf das man in der Welt gerne stolz wäre. Sie haben eine
Gegenkandidatin, die Österreich ins Gerede bringt, statt ins Gespräch.
Sehen Sie es auch als Lagerwahlkampf?

Bundespräsident Heinz Fischer
Ich würde sagen, ich sehe mich als Bundespräsident, der von
einem überparteilichen Personenkomitee dem Hugo Portisch angehört oder
die
frühere ÖVP-Bundesratspräsidentin Pühringer aus Oberösterreich, aber
natürlich
auch Sozialdemokraten angehören. Von diesem Personenkomitee bin ich
vorgeschlagen worden, ich habe die Annahme, dass mich viele
Sozialdemokraten
unterstützen. Ich glaube, dass mich auch viele Grüne unterstützen. Ich
glaube
auch, dass ich viele Stimmen von der ÖVP bekommen werde und ich glaube,
dass
viele Menschen, die keiner Partei angehören, mich unterstützen. Das ist
meine Sicht des Wahlkampfes und nicht ein Lagerwahlkampf, weil ich
könnte diese Lager
gar nicht definieren angesichts dieser Ausgangslage.

Dieter Chmelar: Rechts und weltoffen…

Bundespräsident Heinz Fischer
Ja, aber das ist mir zu künstlich, ich bleibe bei meinen Prinzipien,
ich bleibe bei meinem Wertesytem, ich bleibe bei meinem Menschenbild und
ich
bleibe dabei, dafür zu werben, dass möglichst viele Österreicherinnen
und Österreicher, die meine Amtsführung beobachtet haben und finden, das
war für
unser Land gut, sinnvoll und fair, dass die mich wählen, und ich will
gar
nicht, dass man einen Lagerwahlkampf daraus macht.

Dieter Chmelar: Letzte Frage von uns – es gibt Familienzuwachs
im Hause Fischer, habe ich gehört?

Bundespräsident Heinz Fischer
Ist schon 9 Monate zurückliegend, aber ist etwas sehr Schönes.

Dieter Chmelar: Um wen handelt es sich?

Bundespräsident Heinz Fischer
Um meine Enkeltochter.

Dieter Chmelar: Wie heißt sie?

Bundespräsident Heinz Fischer
Anna, Anna Magdalena. Das erste Enkelkind, ist etwas sehr Schönes.

  • Adresse: Hofburg, 1010 Wien

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