Darum jubeln Fussballfans

Der Effekt ist bekannt: Wer jemanden la?cheln sieht, la?chelt unwillku?rlich mit. Wenn jemand weint, wird man selber traurig oder beginnt sogar selbst zu weinen. Bei diesem empathischen Verhalten spielen die Spiegelneuronen eine wichtige Rolle. Diese Neuronen spiegeln im Gehirn a?ußere Eindru?cke und lassen uns miterleben, was um uns herum passiert. „Spiegelneuronen ko?nnten dafu?r verantwortlich sein, dass wir uns in jemanden hineinfu?hlen ko?nnen, und uns in die Lage versetzen, das ‚Selbst‘ vom ‚Nicht-Selbst‘ zu unterscheiden“, erkla?rt Ornella Valenti von der Abteilung fu?r Kognitive Neurobiologie am Zentrum fu?r Hirnforschung der MedUni Wien.

Je mehr das Gesehene unseren fru?heren Erfahrungen, insbesondere in Bezug auf die Beobachtung von motorischen Aktivita?ten, entspricht, desto sta?rker feuern die Spiegelneuronen. Daher ist es auch mo?glich, dass bei einem Fußballmatch die Fans der siegreichen Elf feiern, wa?hrend die anderen gleichzeitig weinen. Wenn Menschen eine bekannte motorische Ta?tigkeit beobachten, sind viele Hirnareale aktiviert. Darunter auch jenes Areal, das das Signal fu?r „Belohnung“ aussendet, erkla?rt Valenti.

Das Resonanzsystem der Spiegelneuronen ist auch noch fu?r einen anderen Effekt zusta?ndig: Fans, die selbst viel Fußball spielen oder gespielt haben, die wissen, wie das Spiel funktioniert, ko?nnen ein Spiel besser ‚lesen‘. Valenti: „Studien haben gezeigt, dass diese Fußball-Experten wa?hrend des Spiels die Aktionen besser vorhersagen ko?nnen. Dabei feuern die Spiegelneuronen mehr als bei anderen, die weniger vom Fußball verstehen.“ Bei Kontrollgruppen, die noch nie oder selten ein Fußballmatch gesehen und selbst nicht gespielt hatten, feuerten die Spiegelneuronen nicht oder kaum. Valenti: „Spiegelneuronen befa?higen uns offenbar dazu, die Absichten anderer intuitiv zu erfassen. Und umso mehr, je besser uns diese Absichten oder Handlungen aus eigener Erfahrung bekannt sind.“

Am Anfang war die Erdnuss

Noch steht die Spiegelneuronen-Forschung am Anfang. Begonnen hat alles vor 30 Jahren in der italienischen Stadt Parma: mit einem Affen, einem Versuchsleiter und einer Erdnuss. Eigentlich hatte die ForscherInnengruppe um den Physiologen Giacomo Rizzolatti lediglich erforschen wollen, wie Handlungen im Gehirn geplant und umgesetzt werden. Griffen die Tiere nach Futter, konnten sie entsprechende neuronale Aktivita?t messen. Doch plo?tzlich schlug das Messgera?t auch aus, als einer der Forscher nach einer Nuss griff. Dabei saß der Affe ganz ruhig da. Weitere Untersuchungen zeigten, dass Spiegelneuronen sogar die Absicht hinter einer Handlung erkennen ko?nnen. Die Nervenzellen des Affen sandten offenbar bereits Signale aus, wenn er die Bewegung oder nur eine Absicht beobachtete, sie spiegelten das Verhalten des Gegenu?bers.

Soziale Interaktion und Lernen

Spiegelneurone sind im menschlichen Gehirn vor allem in jenen Regionen verbreitet, in denen Handlungen geplant oder initiiert werden. Dieses System umfasst neben dem prima?ren motorischen Cortex, der Bewegungsimpulse an die Muskeln schickt, vor allem das pra?motorische sowie das supplementa?r-motorische Areal. Sie haben die Aufgabe, komplexere Bewegungsabla?ufe zu planen und notwendige Einzelschritte zu koordinieren.

Nach Ansicht der Hirnforschung ha?ngen wichtige soziale Interaktionen von den Spiegelneuronen ab. Dann kann es etwa zu Autismus kommen. Studien haben gezeigt, dass Spiegelungen bei Autisten im pra?motorischen Cortex nicht stattfinden.
Spiegelneuronen werden auch in der Rehabilitationsmedizin bei Schlaganfall-PatientInnen eingesetzt: Den PatientInnen werden am Bildschirm zuna?chst U?bungen gezeigt, die sie spa?ter selbst durchfu?hren sollen. Die Aktivierung der Spiegelneuronen soll ihnen helfen, die La?hmungen wenigstens teilweise zu u?berwinden.


„Generell tragen Spiegelneuronen positiv zum Lernverhalten und zur Kommunikation bei, etwa auch bei Kleinkindern, die uns imitieren“, so Valenti. Bestimmte Handlungen und Grimassen kann ein Baby ja bereits nach wenigen Tagen nachmachen und imitieren. Wahrscheinlich la?sst sich auch das auf eine Aktivita?t von Spiegelneuronen zuru?ckfu?hren. Das gilt u?brigens auch fu?r das Erlernen und Imitieren der Schusshaltung beim Kicken eines Fußballs.