Der Abspann läuft und läuft

Immer wenn ein Traditionsbetrieb zusperrt ist das Gejammer in Wien groß.
Im Fall der 1997 eröffneten DVDthek Alphaville geht es weniger um einen
zu beweinenden Familienbetrieb, als um eine ganze Branche, die
wegzusterben scheint. Schon 2006 erschienen die ersten Zeitungsartikel,
die das Aus für Videotheken prophezeiten. Internet sei "Dank“.  

Kein Videotheken-Sterben

"1997–2010“ steht über der Presseaussendung des Alphaville (es gibt
sogar ein Kondolenzbuch im Internet). Norman Shetler und Georg Schneider
hatten mit 2.000 VHS-Kassetten begonnen und verkaufen derzeit ihre
13.000 DVDs ab. Die beiden nennen es sarkastisch "Leichenfledderei“. Das
Aus in der Schleifmühlgasse hat natürlich mit der grenzenlosen
Verfügbarkeit von Filmen und Serien zu tun. Online-Videotheken,
Video-on-Demand, iTunes und Gerüchten zufolge demnächst auch YouTube
bieten "Film ab“ per Mausklick. Warum also noch das Haus verlassen? Weil
es etwas anderes ist! In der Video­thek ärgert man sich darüber, dass
der Wunsch-Titel vergriffen ist, triumphiert, weil der neue Blockbuster
doch noch da ist und verlässt den Laden mit einem ganz anderen Film, als
dem, den man wollte – dazu das sündhaft teure Ben & Jerry‘s Eis,
das es im Supermarkt nicht gibt. Eis, Popcorn und Cola reichen als
Zusatzangebot, sollte man meinen.

Von 2204 bis heute sank die Zahl der Videotheken in Wien von 142 auf jetzt 124

Etliche Verleiher gehen aber einen
anderen Weg. Schönes Beispiel: "Major“ in der Wagramer Strasse 173. Die
Videothek gibt es seit 23 Jahren, seit 9 Jahren ist ein Solarium
angeschlossen. "Die Zeiten sind und werden nicht leichter, und deshalb
müssen Kleinunternehmer immer schauen, dass sie am Ball bleiben“, so
Besitzer Tsokas Ioannis.
Vom "großen Videotheken-Sterben“ kann jedenfalls "keine Rede sein“,
meint Leopold Homola von der WKW-Fachgruppe. Pro Bezirk gibt es laut
Homola 5–6 deutschsprachige Videotheken. Müsste reichen.

Videotheken mit Extra: Leih-Alternativen "post Alphaville“ für Cineasten

Erst vor wenigen Jahren, zu einem Zeitpunkt, als Videotheken schon für tot erklärt waren, taten sich für cineastische Feinschmecker zwei weitere Anlaufstellen auf: die "Oz Cinethek“ (7., Lindengasse 53) und die "Filmgalerie 8 ½“ (9., Garnisongasse 7).

Verleih mit Konzept

Der Fokus beider liegt neben dem delikaten Film-Sortiment auf dem Gespräch, dem Fachsimpeln, der Beratung, dem Austausch. Denn: "Wir verstehen uns auch als Anlaufstelle für Filmbegeisterte, wo man seiner Leidenschaft frönen und sich darüber austauschen kann“, so die "Oz”-Betreiber Paul Ertl und Leon Ilsen. Keine Überraschung ist also die Ambition beider Läden, aus dem herkömmlichen Verleihbetrieb eine Art Happening zu kitzeln. "8 ½“, die "Programmvideothek im Blockbuster-Videotheken-Dschungel“, schafft inhaltliche Schwer-
punkte, veranstaltet Filmvorführungen, bietet die Möglichkeit, auf das Sortiment der Berliner "Filmgalerie 451“ zuzugreifen  und betreibt mit dem Kurzfilmverleih „espressofilm“ u. a. ein Sommerkino. Im „Oz“ herrscht im integrierten Café Wohnzimmer-Atmosphäre, ein Mal im Monat auch mit Patschenkino. Übrigens stellt „Oz“ ein Selbsthilfeprogramm für „heimatlos gewordene Alphavillians“: eine gratis Schnupper-Mitgliedschaft bis Jahresende …

  • Adresse: Schleifmühlgasse, 1040 Wien

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