Der Gürtel & seine vielen Gesichter

Treffpunkt beim „Leo“ am Währinger Gürtel. Mein Fotograf und ich haben vereinbart, den Gürtel vom ­ältesten Würstelstand Wiens in Richtung Westbahnhof zu Fuß zu bewältigen. Schaulust statt Staufrust lautet unsere Devise. Autofahrer, die im Morgenverkehr oder am späten Nachmittag die Bundesstraße 221 entlangfahren, bekommen meist nur wenig von den vielen Gesichtern, die die Gürtelstraße bietet, mit. „Unglaublich, wie viele Gegensätze es hier gibt“, stellt Christian Jobst, der Meister des gestochen scharfen Bildes, fest. Etliche Male ist er die 13.100 Meter lange Straße schon entlanggefahren, aber noch nie so bewusst wie heute. Beispiele gefällig? Während Touristen und Geschäftsreisende in den gemütlichen Hotels (Fürstenhof, Wimberger, Austrotel, Ibis) einchecken, treffen sich die Obdachlosen im weniger mondänen JOSI in den Stadtbahnbögen zu einem Plauscherl. Und während sich der eine ein Spätfrühstück im Café Weidinger oder im Café Westend gönnt, macht der gestresste Vertreter mit seinem PKW Zwischenstopp beim McDrive. Zeit ist Geld, lautet die Devise. Fastfood geht eben schnell. Und während die Katholiken am Sonntag in die Kirchen (Maria vom Siege, Maria Treu) pilgern, suchen weniger Gläubige in einer der zahlreichen Peepshows und anderen Rotlicht-Etablissements ihre Art der Entspannung.

Brücken verbinden „Innen“ & „Außen“

In Zukunft soll der Gürtel noch mehr Abwechslung bieten. Der westliche Teil soll zur Designzone werden, verkündete Planungsstadtrat Rudi Schicker kürzlich. Ein Holzsteg soll den Bruno-Kreisky-Park im 6. mit dem 12. Bezirk verbinden. Nur eines von vielen Beispielen dafür, wie in Zukunft die inneren mit den äußeren Bezirken zusammenwachsen sollen.

  • Adresse: Neubaugürtel 26, 1070 Wien

Der Gürtel & seine vielen Gesichter

Es gab Zeiten, da wurde man schief angeguckt, wenn man als Wohnadresse "am Gürtel“ nannte. Von zu viel Verkehr (auf der Straße und in den diversen Etablissements) war die Rede. Und von mangelnder Lebensqualität. Schnee von gestern! In den letzten Jahren hat sich vor allem auf dem Westgürtel viel getan. Ein neues urbanes Zentrum und ein Multikulti- Treffpunkt sind entstanden.

Erbaut 1704 als Verteidigungswall

Historisch gesehen ist der Gürtel eine Art "Nebenprodukt“. 1873 wurde entlang des Linienwalls eine Straße angelegt, die Gürtel genannt wurde. Nach der Eingemeindung der Vororte (1894) wurde er abgetragen. Der Ziegel- und Erdwall war als Verteidigungsanlage gegen Türken und Kuruzzen geplant. 1704 wurde der 1,3 Kilometer lange Wall errichtet?– er trennte die Vorstädte (Bezirke 3 bis 9) von den Vororten (10. bis 19. Bezirk). Ab 1705 dienten die Tore als Mautstellen. Die Zöllner wurden von den Wienern "Spinatwachter“ genannt.
In den letzten Jahren hat sich das Erscheinungsbild des (West-)Gürtels grundlegend gewandelt. Eine unattraktive Verkehrsader mutierte zu einem pulsierenden Lebensraum im Herzen von Wien. Wo sich früher einmal die Pros­tituierten und ihre Freier tummelten, ist heute eine Freizeitmeile mit kulturellem Anspruch. "Ich war damals auf der Suche nach einem neuen Standort“, erinnert sich Othmar Bajlicz, Inhaber des Kultlokals "Chelsea“. In der Piaristengasse gab es zu viele ­Anrainerbeschwerden, in den Stadtbahnbögen am Lerchenfelder Gürtel fand er den idealen Ort für sein Lokal (Eröffnung im Juni 1995). Der Ex-Kicker gilt als Pionier der Lokalszene am Westgürtel.

  • Adresse: Neubaugürtel 24, 1070 Wien

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