Die vergessene Totenwelt unter Wien

Hast du dir schon einmal überlegt, was sich unter der Decke aus Asphalt oder Erde befindet, über die du vielleicht täglich schreitest? Oder worauf die Grundmauern deines Wohnhauses eigentlich stehen? Seit den Römern liegen im Bereich der gesamten Bundeshauptstadt Tote begraben – auch wo man sie heute gar nicht mehr vermutet. Eine, die in den Grabstätten und Skeletten aus allen Jahrhunderten wie in einem offenen Buch liest, ist Stadtarchäologin Karin Fischer-Ausserer. Sie kennt auch alte Funde aus Währing.

Auf den Spuren der Geschichte

Als 2001 mit dem Bau der Tiefgarage unter dem Schubertpark begonnen wurde, musste vorher die Stadtarchäologie ausrücken, um etwaige Funde sicherzustellen. "Im Vorfeld der Bauarbeiten wurden die verfügbaren Flächen – ein Kinderspielplatz sowie ein Ballspielplatz mussten nämlich erst abgebaut werden – von der Stadtarchäologie genau untersucht. Schon unter der ersten Humusschicht haben wir die Umrisse ungestörter Grabgruben gefunden“, erinnert sich Fischer-Ausserer.

In der Folge wurden 150 Gräber mit 400 Bestatteten freigelegt. Das war nicht weiter verwunderlich – immerhin befindet sich der heutige Schubertpark auf dem Gelände des ehemaligen Währinger Ortsfriedhofs. Dieser wurde im Zuge des Neubaus der Währinger Pfarrkirche angelegt. Um die Mitte des 18. Jahrhunderts entschloss man sich zum Abbruch der alten Währinger Pfarrkirche; 1753 wurde am selben Platz eine neue Kirche, die heutige Gertrudkirche, errichtet. Bereits bei der Planung des Neubaus hatte sich auch die Frage nach einem neuen Friedhof gestellt, da man für den alten, traditionell um die Kirche gelegenen, keine Möglichkeit für eine Erweiterung sah.

Wechselnde Orte für den Friedhof

Nach langer Suche fand sich zwischen den Dörfern Währing und Weinhaus ein geeignetes Grundstück. 1769 wurde dieser neue Währinger Ortsfriedhof geweiht; idyllisch gelegen und auch gärtnerisch äußerst ansprechend angelegt, erfreute er sich besonders unter Adeligen zunehmender Beliebtheit. Dies änderte sich auch nicht, nachdem Josef II. den Allgemeinen Währinger Friedhof (heute Währinger Park) anlegen ließ. Im Gegenteil, um einer allzu raschen Auffüllung des Ortsfriedhofs gegenzusteuern, ging man dazu über, Grabstellen für nicht zur Pfarre Gehörende nur gegen Bezahlung abzugeben; auch der Trauerkondukt musste in der Ortskirche abgehalten und bezahlt werden. Nach der Anlage des Wiener Zentralfriedhofs wurde der Ortsfriedhof geschlossen, die letzte Beerdigung fand am 11. Juli 1873 statt. Einige der Prominenten wurden damals exhumiert und in Ehrengräbern auf dem Zentralfriedhof wieder beigesetzt, wie Franz Schubert, Ludwig van Beethoven und Johann Nestroy, wobei die Grabdenkmäler von Schubert und Beethoven an ihrer ursprünglichen Stelle belassen wurden.

Friedhof der namenlosen Kinder

Bei der Freilegung der Gräber unter dem Schubertpark fiel den Archäologen gleich die dichte Belegung auf. So fanden sich in einer Grabstätte neben sieben Erwachsenen der unterschiedlichsten Altersstufen 14 Kinder, vom Neugeborenen bis zum Kleinkind. Die Anzahl der beigesetzten Kinder war generell erstaunlich hoch. Eine mögliche Erklärung dafür bietet das in der Alservorstadt (Alser Straße 23/Lange Gasse 69) gelegene Findelhaus, in dem unerwünschte Kinder abgegeben werden konnten. Die Kindersterblichkeit in dieser Anstalt war erwiesenermaßen extrem hoch, einige Indizien weisen darauf hin, dass die verstorbenen Kinder möglicherweise auf dem Währinger Ortsfriedhof bestattet wurden.

Wissensdurst und geöffnete Schädel

Die im nördlichen und damit auch jüngsten Teil des Friedhofs Bestatteten gehörten wohl eher zu einer unteren sozialen Schicht. Das lässt sich einerseits aus der hohen Zahl der Bestatteten pro Grab schließen als auch aus den auffälligen Abnutzungserscheinungen der Skelettknochen: Sie sind durch schwere körperliche Arbeit entstanden. Bei einigen Erwachsenen wurde der Schädel geöffnet. Seit dem frühen 19. Jh. hatte die Zahl der Leichenöffnungen stark zugenommen, man war brennend an den Veränderungen des Gehirns interessiert, die durch die Syphilis entstehen.

  • Wer mehr über die morbide Geschichte Wiens erfahren möchte, ist bei der Stadt­archäologie gut aufgehoben: 2., Obere Augartenstraße 26–28/32

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