Die Wiederentdeckung der Langsamkeit

"Über Auto- und Radverkehr, sowie den Öffentlichen Verkehr wird viel
diskutiert. Es darf aber nicht auf die Fußgänger vergessen werden.“ Eine
Feststellung von Verkehrsstadtrat Rudi Schicker, der man Recht geben
muss. Man ärgert sich über Spritpreise, gibt Tipps fürs sichere
Radfahren und fordert die Sauberkeit von Öffis. Über Fußgänger wird zu
selten gesprochen – obwohl viel für sie getan wird. Immerhin 1/3 aller
Wege werden per pedes zurück gelegt – 60 % davon von Frauen, 40 % von
Männern. Schicker: "Der Anteil des Fußgängervekehrs befindet sich in
Wien auf einem erfreulich hohen Niveau, weshalb es unsere Ziel sein
muss, diesen Wert einerseits langfristig zu stabilisieren und die
Sicherheit weiter zu verbessern.“ (Anmerkung: Teil 3 unserer Serie
befasst sich mit der Sicherheit).

Westgürtel-Projekte mit Wow-Faktor

Schicker-PR: Das Architektenbüro Zu Fuß gehen ist gesund. Für Mensch und Natur. Um die Wiener dafür zu
begeistern, sind abwechslungsreiche Wege wichtig – hier sind sich alle
Experten einig. Man spricht von "schnellen“ und "langsamen“ Zonen,
letztere beinhalten gerne Brunnen oder Grünflächen.
Wie kreativ die Umsetzungen im Jahr 2010 aussehen können, wird besonders
entlang des Westgürtels deutlich, wo das zu Fuß gehen bisher eher Muss-
als Müßiggang war. Von Studentenprojekten wie dem freigelegten
Ottakringer Bach in der Thaliastraße oder Klapp-Sitzen an Häuserfassaden
(Prototyp bereits in Arbeit) bis zu den ganz Großen der Branche.
Acconci (bekannt durch die Murinsel in Graz) hat Pläne für den
Gürtelmittelbereich zwischen Burggasse und Herbststraße vorgelegt und
das Architektenbüro "Knippers Helbig“ einen Fuß- und Radwegsteg am
Margaretengürtel im 5. Bezirk (Bild Höhe U4-Station oben). "Der
Holz-Steg kann sich zu einem wichtigen Identifikationspunkt in dieser
Gegend entwickeln“, ist Schicker überzeugt.

Bodenständiges in Fußgängerzonen

Schicker-PR: Stadtrat auf der Fußgängerzone in der CityGut zu beobachten sind die Fortschritte, was Fußgängerzonen betrifft.
Die City (Foto mit Stadtrat) konnte Stadtrat Schicker Ende 2009 abschließen –
nicht nur Touristen und hohe Schuhe tragende Frauen freuen sich über die
neuen schlaglochfreien Bodenplatten. Die Innere Stadt führt auch wenig
überraschend die Bezirksstatistik der Fußgängerzonen an (Top 4 unten).
Aktuell in Arbeit: die Fußgängerzone Favoritenstraße – Spatenstich war
im April. Zwischen Landgut- und Buchengasse  wird in rund sieben Monaten
die gesamte Straßenoberfläche Schicker-PR: Statistikund Beleuchtung erneuert.
Der Stadtrat dazu: "Gut ausgeleuchtete und großzügig angelegte
Gehflächen mit bequemen Sitzgelegenheiten erhöhen den Gehkomfort und
laden zum Flanieren ein.“ Wie schon in der City, übernimmt die Stadt
auch hier 90 % der Kosten, der Rest wird vom Bezirk getragen.
2011 folgt noch der Baustart in der Meidlinger Hauptstraße. Architekten
und Landschaftsplaner aus ganz Europa reichen derzeit ihre Pläne ein –
das Wettbewerbsergebnis steht diesen Herbst fest.

Du hast Anregungen?

  • Fußgängerkoordinatorin Gabriele Steinbach von der MA
    46 ist die richtige Ansprechperson. Tel.: 811 14 929 98 , gabriele.steinbach@wien.gv.at.

Neu: "Wien unterwegs – Der Mobilitätsclub Straße und Verkehr“ ist unter
Tel.: 955 59 erreichbar. Mitglieder werden laufend informiert, zu
Veranstaltungen eingeladen und können Clubaktionen nutzen. Die Anmeldung
ist kostenlos. www.wien-unterwegs.at

Der Geh-eimtipp: Die Kurzfassung

Schicker-PR: Geh-eimtipp

START:  Wienflussverbauung im Stadtpark zwischen Johannesgasse und Ungarbrücke.
Route: Durch den Stadtpark, vorbei am MAK, ins alte Universitätsviertel/Dr.-Ignaz-Seipel-Platz, dann in die Bäckerstraße (architektonisch sehenswert: Hausnummer 7 und 10), zum Lugeck, dem Stephansplatz und ins Blutgassenviertel. Über Singerstraße zurück.

"Das Wienflussportal im Stadtpark ist eines der großen Meisterwerke des Jugendstils und von europäischer Bedeutung." StR Schicker

Lieblingsroute des Stadtrats Rudi Schicker: Die Langfassung

1. Ohmann’sche Wienflussverbauung im Stadtpark zwischen Johannesgasse und Kleinen Ungarbrücke
Das Wienflussportal im Stadtpark entstand im Zuge der Regulierung des Wienflusses und ist eines der großen Meisterwerke des Jugendstils von europäischer Bedeutung. Der Entwurf geht auf den Architekten Krieghammer zurück. Nach dessen Tode 1898 beauftragte die Stadt Wien den Architekten Friedrich Ohmann mit den Planungen, der seinerseits, seit der 2. Hälfte des Jahres 1900 den Architekten Josef Hackhofer als Mitarbeiter heranzog. Ohmann arbeitete Pläne für eine prachtvolle Portalanlage aus, zusammengesetzt aus Terrassen, Pavillons, Stiegen, Promenaden und Laternen mit zahlreichen Jugendstilelementen. Die Bauführung erfolgte 1903-1906.

Die geplante künstlerische Ausgestaltung mit wasserspeienden Elefanten und einem Schleier- Wasserfall über dem Schlussstein des Portals wurde aber aus Kostengründen von der Stadt Wien nie realisiert. Aus historischen Gründen wurde auch verzichtet, diese im Nachhinein zu installieren. Die originalen Baukosten vor rund hundert Jahren betrugen 556.000 Kronen. 2005 wurde die denkmalgeschützte Wienflussverbauung generalsaniert.

2. weiter durch Stadtpark, vorbei an MAK

3. Altes Universitätsviertel / Dr.-Ignaz-Seipel-Platz (früherer Universitätsplatz)

Die Ostseite des Platzes wird von der alten Universität eingenommen. Das Gebäude wurde 1623 – 1627 von den Jesuiten errichtet, die Universität in Wien wurde aber schon 1365 von Herzog Rudolf IV dem Stifter gegründet. Damit war sie, nach Prag, die zweitälteste Universität im deutschsprachigen Raum. Als die Universität im 18. Jhdt. quer über den Platz übersiedelte – in das Haus, wo heute die Akademie der Wissenschaften ist – beherbergte das alte Haus kurzzeitig die Wiener Sängerknaben. Eine Tafel an der Wand erklärt: "In diesem Hause des einstigen k.k. Stadtconviktes besuchte Franz Schubert von 1808 – 1813 das akademische Gymnasium als Pensionär und Hofsängerknabe."

4. Weiter durch Bäckerstraße
Bäckerstraße 7
Das gut erhaltene Renaissancewohnhaus aus dem 16. Jahrhundert besticht durch einen Arkadenhof, der heute teilweise vermauert oder verglast ist. Die Balkone zieren Schmiedeeisenarbeiten aus der Sammlung des Biedermeiermalers Friedrich Amerling. Die Arkadenbögen im Hof dienten früher als Pferdeunterstand.

Bäckerstraße 10 Auch das ehemalige Palais Nimptsch in der Bäckerstraße überrascht mit einem typischen Pawlatschenhof. Die Bäckerstraße ist nahezu ein reines Pawlatschen-Viertel und wurde im Zuge der Altstadtsanierung vorbildhaft renoviert.

5. Lugeck
Ein sehr alter Platz, schon 1257 wird er als Luogeckhe erwähnt und früher ein wichtiger Handelsplatz, wo sich die Händler aus vielen Nationen trafen. Hier stand auch der Regensburger Hof, wo hauptsächlich die Bayern ihr Domizil aufschlugen. 1896 wurde er abgerissen, jedoch bemühte man sich beim Wiederaufbau im Jahr darauf, nahe dem Original zu bleiben. Hier wurden auch repräsentative Feste gefeiert, so traf Kaiser Friedrich III hier den Ungarnkönig Matthias Corvinius. Deshalb ist dieser Kaiser heute noch an der Fassade verewigt.

6. Stephansplatz / Stephansdom


7. Blutgassenviertel
Das Blutgassenviertel unmittelbar hinter dem Stephansdom zählt zu den geschichtsträchtigsten Orten in Wien. Die Blutgasse an sich verbindet die Singerstrasse mit der Domgasse und mündet in diese beim Figarohaus, wo Mozart einen Teil seines Lebens verbrachte und viele seiner größten Werke schrieb.

Links und rechts der mit Backsteinen besetzten Blutgasse klaffen Fassaden uralter Häuser in die Höhe. Sie gehören zu den ältesten in Wien, zumindest die Fundamente, welche aus dem 12. Jhdt. stammen. Das Blutgassenviertel besteht aus sieben Altbaukomplexen, u.a. dem Fähnrichshof (Häuser 3-9). Von der Domgasse her kommend befindet sich auf der linken Seite etwa auf halber Strecke zur Singerstrasse ein Durchgang, welcher zu architektonisch sehr bemerkenswert angelegten Innenhöfen führt mit romantischen Laubengängen, Treppen, Balkonen und Durchgängen mit viel Grün. Der Besucher gelangt so auf Umwegen zur Singerstrasse oder zur parallel verlaufenden Grünangergasse. Es befinden sich hier einige Künstlerateliers.

8. Über Singerstraße retour zu Stadtpark

Extra-tipp für Mai

Der Aktionsradius Augarten widmet sich im Mai der "Gang-Arten-Vielfalt“. Infos zu den Veranstaltungen auf aktionsradius.at

Gut geht‘s! Zahlen, Daten, Theorien

  • Fußgänger weltweit haben ihre Geschwindigkeit erhöht. Die Bürger Singapurs haben ihr Tempo seit den 1990er-Jahren um 1/3 gesteigert. Sie brauchen 10,6 Sekunden für 18 Meter. Die Berliner liegen mit 11,2 Sekunden gut im Rennen – noch vor London mit 12,2 Sekunden. Am langsamsten: die Einwohner von Malawi mit 31,6 Sekunden (Uni  Hertfordshire, 2007)
  • "Je schneller die Männer gehen, desto höher ist im Schnitt ihr Status. Bei den Frauen ist das nicht so.“ Und: "Nördlich gelegene Städte sind schneller als südliche." (Biologe und Verhaltensforscher Klaus Atzwanger, 2010)
  • Die Genauigkeit der öffent­lichen Uhren ist laut US-Psychologe Robert Levine ein Indikator für die Lebensgeschwindigkeit. Wien liegt in seinem Ranking an Platz 8 von 31. Bei der Genauigkeit der Uhren sogar auf Platz 3 (Nummer 1 ist die Schweiz)
  • Die erste Ampel wurde 1926 an der Opernkreuzung installiert
  • Im Jahr 2009 gab es circa 400 neue Gehsteigabsenkungen. 90 % der Wiener Gehsteige sind somit inzwischen abgesenkt.
  • Derzeit gibt es in Wien 607 Ampelanlagen mit Blindenakustik. 2010 kommt jede Woche eine weitere hinzu.
  • 30 Minuten Gehen pro Tag vermindert das Risiko, an Herz-Kreislauf-Störungen zu erkranken. Man verbraucht 5 Kalorien die Minute, wenn man flott geht.
  • Auch wer glaubt, sich gar nicht zu bewegen, legt mindestens 3.000 Schritte am Tag zurück.
  • Die Gehsteigmindestbreite in Wien beträgt 2 Meter.

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