ERWISCHT

Warum passieren so Sachen immer ausgerechnet mir? Man fragt sich. Entweder hab ich so was in den Genen oder ich bin eine vom Unglück Verfolgte. Nehmen wir aber einmal an, beides trifft nicht zu, dann hab ich echt ein Problem mit mir.
Ich muss doch meine Missgeschicke irgendwo einordnen können. Schließlich bin ich ein ordnungsliebender Mensch. Nun, wir machen das ganz anders, ich schiebe euch das Problem zu und ihr entscheidet, wer warum und wieso überhaupt …
Diese Dinge beginnen ja immer total harmlos, sonst wäre ich ja vorbereitet. Ein kleines Beispiel – meinem Leben entliehen. Ich erlebe einen, an und für sich, harmonischen Tag. Das müsste mir bereits verdächtig vorkommen, aber ich hatte nichts wirklich Auffälliges bemerkt. Obwohl – als ich den Mistsack aus seinem Behältnis holte, deutete sich schon etwas an. Ich hatte ihn in der linken Hand und da ich ja zumeist zwei Sachen zur gleichen Zeit zu erledigen versuche, fiel mir ein, dass das Wundbenzin nachzukaufen sei. Ich nahm also den Mistsack aus der Küche mit ins Badezimmer. Abstellen wäre ja Zeitvergeudung, daher behielt ich ihn in der Hand und öffnete den Rote-Kreuzkasten, um an das leere Benzinfläschchen zu kommen. Natürlich stand es hinter den anderen Medikamenten. Wie könnte das anders sein. Also fischte ich mit der rechten Hand nach dem Fläschchen, dabei besannen sich einige der Pillendöschen und Tuben der Schwerkraft der Erde und genossen den freien Fall. Kein Problem bei meiner raschen Reaktion. Mit flotter Bewegung riss ich meine linke helfende Hand in Richtung Medikamente und hätte beinahe triumphiert, wenn sich bei diesem Einsatz nicht das Mistsackl von mir in Richtung Boden verabschiedet hätte. Ein Blick auf den kuscheligen Badezimmerteppich zeigte mir eine Impression aus Kaffeesud, Thunfisch- und Paradeisdosen, Zwiebelschalen, Bratenfettenresten, Brotbröseln und Lurch aus dem Staubsauger. Dennoch sah ich die Sache positiv. Das Benzinfläschchen war jetzt meinem Zugriff frei zugängig. Die Zeitersparnis, die ich durch die gleichzeitigen Tätigkeiten herbeiführen wollte, waren irgendwie zunichte gemacht. Nun gut, dieses Ereignis sah ich nicht gerade als Fingerzeig für später „Eintretendes“. Nach Säuberung des Bades beschloss ich, das Ganze nicht so eng zu sehen und verließ meine Wohnung.
Das Eigentliche passierte erst abends. Ich muss vorausschicken, dass ich immer gerne meine Tätigkeiten koordiniere. Also wenn ich den Mistsack mitnehme, dann werden zugleich auch andere Dinge am Weg mit erledigt. Eigentlich muss ich das NICHT mehr vorausschicken. Hatten wir bereits. Egal, das hat ja nur was mit mir zu tun und nicht mit der folgenden Begebenheit. Oder doch?
Also es war so. Ich hatte Besuch und warum ich anschließend duschte, möchte ich hier nicht im Detail erörtern. Ich möchte dazu nur erwähnen, dass ich nicht nach jedem Besuch dusche. Das nur zur Klärung, dass mir nicht womöglich, nach Herausgabe des Buches, jemand die freundlichen Männer mit den weißen Westen vorbei schickt.
Kurzum ich war geduscht und da dabei auch zumeist das Make-up verloren geht, sah ich auch dementsprechend aus, was mir nach Verabschiedung des Besuches auch ziemlich schnurz war. An und für sich wollte ich mich niederlegen, aber irgendwie angeregt, begann ich plötzlich meine alten Journale zu sichten. Es war an der Zeit, da noch einige Exemplare aus dem Jahre 1997 im Kästchen schlummerten. In dieser Loslösungsphase, die mich nur selten überfällt, kannte ich kein Halten und entledigte mich einiger Kilos davon. Nun sollte das Ganze nicht in der Wohnung bleiben, da ich mich kannte und tags darauf sah ich womöglich die Hefte nochmals durch und stellte mit Sicherheit fest, dass das eine und andere sehr wohl wichtig wäre, also sofort und auf der Stelle weg damit. Als ich mich im Vorzimmerspiegel betrachtete nun der Anblick hätte einen Einbrecher mit Leichtigkeit verscheuchen können. Die Haare nass. Ich würde sie haltlos nennen. Den Frotteemantel wollte ich schon lange durch den bereits neu gekauften ersetzen, da ihm die Waschmaschine sämtliche Fäden entlockt hat. Doch fand ich keine Zeit dazu. No gut morgen kommt er weg, denn heute hatte ich mit den Zeitschriften genug zu schleppen. Meine Füße steckte ich schnell in kurze Stiefel, da es im Keller bei den Außentemperaturen eiskalt war.
Ich sah auf die Uhr: 12:15. Ich konnte es leicht wagen, die Zeitschriften in dieser Aufmachung ganz schnell in den Mistraum zu bringen, denn um diese Zeit waren die Leute bereits alle zu Hause, in ihren Betten oder sahen fern. Mit nassen Haaren, ungeschminkt, den alten Frotteemantel und den halboffenen Kurzstiefeln stieg ich in den Lift und fuhr in den Keller. Ich hatte mich des alten Krams entledigt und beglückt stieg ich in den Lift zum 6. Stock und da ist es dann passiert. Im Erdgeschoss wurde ich gestoppt und ein trat die hübsche junge Frau mit ihrem neuen Lover, die mich einmal so reizend wegen meiner Gepflegtheit ansprach und mir charmant zu verstehen gab, dass sie mich für wesentlich jünger eingeschätzt hat und sie es nicht glauben kann, dass ich … usw. Diese reizende Person stand nun mit einem ungläubigen verlegenen Lächeln durchgestylt neben mir und blickte mich verlegen an und dann kam von ihren zart geschminkten Lippen: „Steigen sie früher aus?“ obwohl sie wusste, dass ich in der Terrassenwohnung über ihr mein zu Hause hatte und auch bereits das letzte Stockwerk eingegeben war. So arg sah ich aus, dass sie mich nicht mehr erkannte? Ich stammelte was … nur schnell in den Keller und dgl., während sich ihr Blick senkte und an meinen nackten Füßen an den Stiefeln mit dem halboffenem Zipp hängen blieb.
… und jetzt frage ich die Menschheit, hat das mit meinen Genen zu tun und warum passiert so etwas immer wieder mir?

  • Adresse: Stiege 3, Hauslabgasse 6-10, 1050 Wien

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