Georg Thiel liest “Im Labyrinth des Unglücks”

Das Buch:
»Die Faistenzecks waren kein glückliches Geschlecht.« Mit diesem Satz hebt Georg Thiels Debütroman Im Labyrinth des Unglücks an. Was auf den nächsten 200 Seiten folgt, wird diesem Auftakt vollends gerecht. In furiosem Tempo erzählt Thiel die Geschichte seines Antihelden Alois Faistenzeck: Schon die psychische und physische Ausstattung der Eltern lässt für den Jungen wenig Gutes erhoffen. Die Katastrophe des Ersten Weltkriegs und die Wirren der Nachkriegszeit tun das Ihre, um Alois’ Lebensweg mit Fußangeln und Missgeschicken zu pflastern. Nie Subjekt seiner Geschichte, bleibt er ein Gebeutelter und Getriebener, der sich immer tiefer im Labyrinth des Unglücks verläuft.

Mit einem gnadenlos finsteren Blick treibt der Autor Georg Thiel seinen Protagonisten vor sich her und jagt ihn von einem Desaster ins nächste: Faistenzecks demütigende Ausbildung als Tierpräparator; seine Anbiederungen an den Nationalsozialismus; seine turbulente Ehe mit einer Frau, die ihn ausgerechnet mit dem Gauleiter Wiens, Baldur von Schirach betrügt; sein an Herzmanovsky-Orlando erinnernder Karrieresprung »zum stellvertretenden Direktor des Museums für Beschirrungs- und Sattlungslehre, Huf und Klauenkunde«, der ihn immerhin vor der Front bewahrt. Moralisch zerzaust findet er im vom Hunger geprägten Nachkriegs-Wien ein zerbrechliches Glück – nur um sein persönliches Ende in einem grotesken Höllensturz zu finden.

Die kühle und distanzierte, gleichzeitig schonungslos sarkastische Darstellung Faistenzecks und seiner Umgebung gerät dabei aber keineswegs zur Objektivität heischenden Milieustudie. Sprachgewaltig inszeniert der Autor Faistenzecks Leben und Sterben als tour de malheur und präsentiert die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts als Geschichte von persönlichen und kollektiven Kalamitäten.

Der Autor:
Georg Thiel, geb. 1971. Studium der Politikwissenschaften, Neueren Geschichte und Zeitgeschichte. Zahlreiche kulturgeschichtliche Veröffentlichungen. Lebt und arbeitet als Kurator in Wien.

  • Adresse: Laxenburger Straße 48, 1100 Wien

0 Antworten

Hinterlassen Sie einen Kommentar

Wollen Sie an der Diskussion teilnehmen?
Feel free to contribute!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *