Gerhard Roths unsichtbares Wien

Der Bestsellerautor Gerhard Roth widmet sich seit Jahrzehnten einer Spurensuche des Vergessenen. Nicht nur in seinen Büchern ("Eine Reise in das Innere von Wien“ oder "Die Archive des Schweigens“) geht es um Verstecktes und Verleugnetes, auch fotografierend sucht Roth die Orte der Außenseiter auf – vor allem in Wien. In den letzten beiden Jahr­zehnten entstanden so über 20.000 Fotos. Einige davon zeigt das Wien Museum Karlsplatz bis 16. Mai – es ist die erste große Ausstellung mit Roths Wien-Fotos.
"Meine Fotos mache ich für mich als Bildnotizen, als Zwischenstadium für mein Schreiben“, so Roth.
Im Zentrum der Ausstellung steht ein Querschnitt der Wien-Fotos, die zwischen 1986 und 2009 entstanden sind. Präsentiert werden die rund 1.500 Bilder in einer meterlangen, transparenten Membran, die dem Seriellen und Archivarischen im Werk von Gerhard Roth Reverenz erweist.
Die Auswahl umfasst 14 Orte in und um Wien, darunter den jüdischen Friedhof Seegasse, das k. u. k. Hofkammerarchiv, das Sigmund Freud Museum, den Narrenturm, den Friedhof der Namenlosen oder das Haus der Künstler in Gugging.

Freud, Monarchie & halbe Wahrheiten

Die Faszination des Unsichtbaren, Verdrängten ist für Gerhard Roth offensichtlich: "Das Versteckte, das Verdrängte, wissen wir spätestens seit Sigmund Freud, ist die Wahrheit, die nicht ans Tageslicht kommen darf. In den Außenseitern spiegelt sich aber bekanntlich die Geschichte viel stärker als in den Mitläufern oder den Beteiligten – also jenen, die üblicherweise Geschichte schreiben und abbilden“, so Roth.
Auf den Fotos zu sehen sind unter anderem ein Stockbett aus Traiskirchen, Wachspräpara­te aus dem Josephinum, bemalte Steine von August Walla, eine Lebendmaske von Joseph II. und Radetzkys Säbel sowie ein bronzenes Tintenfass in Taschenkrebsform aus der Kunst- und Wunderkammer der Habsburger.
Gerade Wien sei für das Verdrängen empfänglich: "Wien war die Kaiserstadt und somit jahrhundertelang das Zentrum aller Informationen und der herrschenden Meinung. Das Vergessen und Verstecken der eigenen Meinung war daher opportun“, so der Autor. Die Monarchie würde mythologisiert, die Wahrheit über die Zeit von 1934 bis 1938 verschwiegen und die Zeit nach 1945 verklärt.
Seine "Fotonotizen“ betrachtet Roth nicht als Kunst, auch wenn sie eine subtil-mysteriöse Anziehungskraft entfalten. Sie entstehen mühelos "wie das Gehen: automatisch, unkompliziert“ – eigentlich ganz ähnlich dem Verdrängen.

WAS:
Im unsichtbaren Wien – Foto­notizen von Gerhard Roth
WANN: bis 16. 5.
WO: Wien Museum Karlsplatz

INFO: Tel.: 505 87 47, www.wienmuseum.at

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