Hast du ein facebook?

Meine Freundin erzählte mir von einer Bekannten, von der ich noch nie etwas gehört hatte, obwohl mir meine Freundin normalerweise von jedem Semmelbröserl, das ihr runtergefallen ist erzählt. Symbolisch gesprochen natürlich. Ich könnt auch sagen, es gibt fast nichts, das ich nicht von ihr weiß oder zumindest glaube zu wissen. Nun bin ich aber verblüfft. Wer ist Hannerl? „Wo hast denn die kennen gelernt, das Hannerl?“ „No im facebook“, meint sie als wäre das, das selbstverständlichste der Welt.
Da fällt mir urplötzlich der Sketch von Niavarani ein.
„Kennen Sie das facebook? Was, sie kennen des facebook net!? Des miassens kenna. Facebook kennt a jeder. Sans scho im facebook? Da miassen eine. Da steht alles drin. Facebook is’ wichtig -. Ohne facebook geht gor nix.“
An das musste ich eben denken. Mir reicht schon, dass ich meinen PC morgens einschalte, um nach meiner „Fanpost“ zu sehen. Ist schön, wenn man viele Leute kennt und Freunde hat, mit denen man sich austauschen kann, aber das würde mir bereits reichen. Geht eh immer so: Ich schreibe eine Antwort, damit ich es erledigt habe und schon kommt eine neue Nachricht zurück.
Dann gibt’s noch die „homepage“ (der Begriff ist nicht zu übersetzen mit „hamma Pagen?“), deren Einträge mir äußerst wichtig erscheinen. Jeden den ich treffe steck ich meine Visitenkarte in die Hand mit dem zarten Hinweis, dass meine HP sowieso draufsteht und dann noch der äußerst wichtige Zusatz: “Ich würd’ mich echt freuen, was von dir/Ihnen in meinem Gästebuch zu lesen.“ Immer wieder wird mir beteuert, dass sie ganz sicher einen Eintrag machen und mit derselben Sicherheit schau ich enttäuscht auf den letzten Eintrag der bereits Monate zurück liegt. Das einzig positive daran, ich muss mich für den Eintrag nicht gleich bedanken. Unter uns: Das würde ich sehr gerne tun!
Ja und dann kommt das facebook „laufend“ auf mich zu, denn anscheinend traf ich nur Leute, die alle im facebook sind. Das geht anscheinend deshalb auch so schnell weil es „laufend“ auf mich zu kommt. Irgendwo muss Dynamik reingemischt worden sein. Da ist mir „der Krug der so lang zum Brunnen geht bis er bricht“ – fast lieber. Nun das wäre ein extra Diskussionsthema. Wollen wir nicht abschweifen.
Immer noch ist facebook dran. Mein Sohn fragte mich unlängst: „Mich wundert’s, dass du noch nicht im facebook bist.“ Der wundert sich auch schon? Oh Gott, das belastet.
Neuer Tag:
Meine liebe Freundin Renate, über 40, sehr aufgeschlossen und ein überaus reizendes Geschöpf (ich hab eine Zeichnung von ihr gemacht, diese ist übrigens in meiner HP zu sehen, man kann dazu auch was ins Gästebuch schreiben, ich weiß nicht, ob sie das schon wissen …) nun jene liebliche Maid, Mutter von zwei feschen Söhnen, mit Mann, Haushalt und als Grafikerin mit Arbeit eingedeckt, jene ist im facebook. Schleierhaft wie die Frau das alles schafft, aber dem ist so. Nun Renate ist hartnäckig aber in der liebevollen Form. Steter Tropfen höhlt den Stein.
Anfangs die Frage: “Du bist aber noch nicht im facebook,gell?“ Ich:“ Nein“ …- und aus. Sie: “Willst nicht mal reinschauen“? Ich: “Eigentlich nicht.“ Das Wort eigentlich war ein schlimmer Fehler. Man sollte dieses Wort äußerst vorsichtig benützen. Es drückt eine „uneigentliche Möglichkeit“ aus. Selbst liebenswerte Freundinnen können sich sofort auf diesen Unsicherheitsfaktor stürzen und so kam’s natürlich auch, wie könnte es anders sein. „Und uneigentlich?“ Das war aufgelegt, ganz klar. Ich:“ Du ich weiß schon nicht wie ich mit meiner ganzen Post zurechtkomme. Ich will doch nicht den ganzen Tag bei dem Kastl verbringen. Nein Renate, das mach ich sicher nicht.“
Renate ist geduldig – Renate kann warten – aber Renate vergisst ihr Ziel nicht. Renate wohnt in der Nähe von Graz und ich in Wien, was aber keinesfalls einen Einfluss auf Renates Ausdauertraining hat. Denn es gibt eben das Internet, das so wunderbar verbindet. Manchmal denke ich, bräuchte man den Vergleich mit mancher „Beziehung“ nicht scheuen. Man hängt drin und findet nicht mehr die Energie rauszukommen.
Nun denn, wir schreiben Mails und immer wieder tauchten die zarten, kleinen, dezenten Fragen von Renate auf:“ Hast schon reing’schaut ins facebook?“
Und dann kam der entscheidende Tag mit Renates Mail in dem stand:“ Bitte, bitte, bitte, bitte, bitte, bitte, bitte, bitte, bitte….. komm ins facebook!“ Sie wusste, dass ich machtlos nachgeben musste und da begann alles.
Das Chaos war vorprogrammiert.
Ganz neu – tastete ich mich auf den diversen Foren oder wie das Zeug heißt durch die verschiedenen Spalten. Ich war eingeloggt. Mein erstes Problem: Wenn ich bei Renates Profil in einem dafür vorgesehenem Kästchen etwas geschrieben hatte, sollte ich es „teilen“. Immer stand TEILEN. Ich will mit niemand „teilen“. Das sind „meine“ Ideen, „meine“ Fragen, meine Bilder. Wenn man im facebook nicht teilt, darf man nichts schreiben. Das war der logische Schluss. Schweren Herzens entschloss ich mich zu teilen und welch Wonne, welch Freud. Da stand echt meine Mitteilung. Welch pädagogischer Aspekt, wenn du teilst dann bist du glücklich. Seit dem „teile“ ich mit Freuden.
Ab diesem Zeitpunkt gehörte Renate kurzfristig zu den glücklichsten Menschen in Graz. Es wäre vermessen zu sagen, dass mein Eintritt in die Sphären des facebooks sie bis ans Ende ihres Lebens mit Glück durchtränkt hätte, aber einen klitzekleinen Anteil, an einem Tag zumindest, hatte ICH verursacht.
Nun durfte auch ich mich zu den vielen Millionen von facebook-Menschen zählen und die ganze Welt sah mich „teilen“.
Ich kann euch sagen, es ist kein Lercherl (wienerisch für „nicht einfach“). Da bist drinnen und glaubst jetzt hast endlich Ruh. Da wird auf Pinnwände, die gar nicht zu sehen sind gepostet, da stehen mindestens 50 Symbole auf den Leisten rum und warten endlich angeklickt zu werden. Nun, ich willst die ja nicht verärgern und zahlen tust ja auch dafür, also beschäftigst die, mit anklicken. Da geht’s aber los. Z.B. die „Nachrichten“ – und du weißt jetzt nicht mehr, sind die diskret oder öffentlich. Man muss alles ausprobieren, also schreib ich einer Bekannten, die seit 30 Jahren verheiratet ist. „Kurze Frage Birgit, gibt’s den Mann noch, den du in der Stadt getroffen hast und dann mit zu ihm bist?“ Diese Bekanntschaft wurde mir aufgekündigt, nachdem diese Zeilen öffentlich lesbar waren. Wie soll ich denn das wissen? Learning by doing, heißt es doch. Das Symbol stand auf Blogg, was immer das ist. Ab diesem Zeitpunkt war ich vorsichtiger. Schrieb immer nur Braves auf die Pinwand. Ich hatte mich auch daran gewöhnt um zwei Stunden mehr beim PC zu verbringen. Man ist ja in Pension und in der guten frischen Luft, holt man sich eh nur eine spanische Grippe oder dergleichen.
Und dann kam der nächste unheilvolle Tag, der mein Leben verändern sollte. Nein nicht die Heirat. Mein Sohn schickte mir – natürlich über facebook immer so seltsame kleine Bildchen – cookis? Nein damit kocht man ja, oder?- no egal es waren so kleine niedliche Zeichnungen und ich sollte sie auch „annehmen“. Nun wenn mein Sohn unbedingt will, dass ich was von ihm annehme. Freu mich doch, dass er weiß dass er eine Mutter hat und ein guter Sohn ist er auch, also mach ich ihm die Freud. Was soll ich sagen? Mir nichts und dir auch nichts und Ihnen sowieso nichts – war ich schon drinnen. Wo? Im „City Ville“-Spiel. Und da begann das ganze Unheil.
Ich musste eine Stadt bauen mit Wohnhäusern und Geschäften, die mussten aber alle an Strassen angebunden sein, nicht wörtlich natürlich, weil Stricke gab’s nicht zu kaufen. Dafür aber Pflanzen. Ich musste Erdbeeren setzen, dann kamen sie in inzwischen in ein Lager, damit ich die Geschäfte beliefern konnte. Zu viele Erdbeeren waren aber auch kein Segen, denn dann fehlte mir ein zweites Lagerhaus. Das zu bauen, da gab’s aber im Moment zu wenig Energie und Geld. Jetzt mussten die Freunde her halten. Diese musste ich besuchen, dann bekam ich eine Energie geschenkt. Irgendein Sternderl und ein Herzerl tauchten aus dem Nichts auf, wenn ich einen Tourenbus mit Touristen durch die Strassen bei ihnen hetzte. Der pfiff so niedlich und beim „absetzen“ gab’s immer so schnatternde Menschenstimmchen zu hören. Weil mir das gut gefiel klickte ich bis zur Bewusstlosigkeit die Tourenbusse an. Nein, das wäre gelogen, denn nach einiger Zeit schon, wurde ich von einem Kasterl dazu ermahnt mit meinen Freunden zu „teilen“. Jetzt ging das wieder los. Ich plag mich, damit mein Nachbar Geld bekam und jetzt kann ich auch noch teilen. No gut, wenn es sein muss klick ich halt drauf und dann lädt der „Kerl“ lädt und lädt und lädt. Das wird mir zu blöd, da sitzen und warten bis der fertig geladen hat, wer immer der ist. Ich steh auf, mache meine Hausarbeit, hänge die Wäsche auf und komme zurück. Ratet was da auf meinem Bildschirm steht: wird geladen. Das war der Absturz und das war gut so, denn dann gab ich’s auf und an diesem Tag wurde nur mehr das Fleisch von seinen Sehnen „geteilt“. Ich hab mirs von Anfang an gedacht das mit dem „Teilen“ kann auf die Dauer nicht gut gehen.
Wer will wissen wie es weiter ging? Wie meine Zukunft aussieht? Ich arbeite in meiner Stadt auf ein Grundstück am See hin, mit 5 Burgerking, einer Post, zwei Ratshäusern, unzähligen Villen, Landhäusern und auf den Bürgermeisterposten. Muss Schluss machen, denn ich hab eben wieder von meinen Freunden Energie gesandt bekommen. Die muss schnell abgeholt werden, weil sie sonst verfällt. Also wir sehen einander in der City Ville!
P.S. Übrigens ich bräuchte drei Freunde für die Notaufnahme.

  • Adresse: Hauslabgasse 6-10, 1050 Wien

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