Lill Sweet, eine Brigittenauer Legende

Am 20. Jänner 1910 wurde in Wien-Brigittenau Elisabeth Svoboda als jüngstes von vier Kindern in ärmlichen Verhältnissen geboren. Der Vater war ein Schuster aus Böhmen und die Mutter stammte aus Galizien. Das musikalisch und sportlich sehr talentierte Mädchen war schon bei Schultheateraufführungen ein Star. Eine zweite Heimat fand sie im Arbeiterturnverein als Vorturnerin. Dann entdeckte sie mit dreizehn Jahren ihre Liebe zum Tanz und verdiente ihr erstes Taschengeld als Eintänzerin in der Tanzschule Fränzl. Sie sah nur eine einzige Möglichkeit, der kleinbürgerlichen Enge rasch zu entkommen, nämlich den Aufstieg zur Künstlerin. Mit vierzehn Jahren erfolgten die ersten Auftritte als Tänzerin und vier Jahre später bereits die erste Auslandstournee. Von großem Talent, aber noch größerem Ehrgeiz, trainierte und übte sie verbissen an ihren zunächst natürlich kleinen Rollen als Solotänzerin und als Soubrette.

Aufstieg, Ruhm und Fürsorge

Für damalige Verhältnisse in der 1930er Jahren sehr gut verdienend, schaffte sie bald den Grunderwerb und Bau einer Villa im noblen 19. Bezirk als neues Heim für die Familie. Der künstlerische Durchbruch gelang ihr ab 1926 mit Engagements auf internationalen Varieté- und Revuebühnen mit Partnern wie Karl Farkas oder Erik Ode. In Italien lernte sie ihren späteren Mann, den bekannten und wohlhabenden Theater- und Filmschauspieler Armando Falconi, kennen. Aber schon 1936 gab sie ihre Karriere auf, um sich der Pflege ihres wesentlich älteren und kranken Mannes widmen zu können.
Den Lebensabend verbrachte sie als Witwe bescheiden lebend, bis zuletzt lebenslustig und geistig wendig, in Mailand und während der Sommermonate an der Riviera. Sie starb friedlich hochbetagt am 10. Jänner 2002 und fand ihre letzte Ruhestätte in ihrem geliebten Wien.
Anlässlich des 100. Geburtstages am 20. Jänner 2010 wurde der Nachlass von Lill Sweet von ihrer Nichte dem Österreichischen Theatermuseum übergeben. Die zahlreichen Fotografien und Zeitungsartikel sollen das Andenken an diese bemerkenswerte Künstlerin im Bezirk wach halten.

„Ein, zwei Dacapos – wir tanzten, steppten und sangen, bis uns die Zunge raushing.“ Erik Ode über Lill Sweet

Ausführliche Biografie von Renate Oberbauer

Lilly Falconi geb. Svoboda (1910-2002)

Vom Arbeiterturnverein zum internationalen Revuestar der
1930er-Jahre

Zum 100. Geburtstag der Tänzerin und Soubrette Lill Sweet
2010

Am 20. Jänner 1910 wurde in der Staudingergasse in Wien-Brigittenau
Elisabeth Svoboda in ärmlichen
Verhältnissen geboren. Der Vater Josef Svoboda
war ein geschickter und fleißiger Schuster aus Böhmen und die Mutter, eine
geborene Rink, stammte aus einer
deutschsprachigen Bauernfamilie aus Galizien. Lisl war das jüngste von vier
Kindern, wobei die Schwester Käthe bereits jung verstarb. Ihr Bruder Ferdinand
"Ferdl" (1908-1992) schaffte den Aufstieg zum Akademiker und
Schulddirektor im 19. Bezirk, während ihr Bruder Josef "Pepi" (1906-1989)
als Schlossermeister der Wasserstraßendirektion und Wiener Original der
Brigittenau treu blieb.

Das musikalisch und sportlich sehr talentierte Mädchen war schon bei
Schultheateraufführungen wegen der natürlichen Grazie ein Star. Im
Arbeiterturnverein fand sie schon als Kind als eifrige Vorturnerin ihre zweite
Heimat. Dann entdeckte sie mit dreizehn Jahren ihre Liebe und Leidenschaft für
den Tanz. Der erste öffentliche Auftritt erfolgte 1923 im Hotel Hübner am
Cobenzl in Wien (Bild 1). Dann verdiente
sie sich als Eintänzerin in der bekannten Wiener Tanzschule Fränzel das erste Taschengeld. 1924 trat
sie bereits im Alter von 14 Jahren in einem Ballett "Die Jagd um die
Welt" unter dem Künstlernamen "Ferita Rosé (Ballettmeister Franz Fränzel) im Zirkus Renz (Hagenbeck) auf (Bild
2)
. Dort wurde sie von einem Revuemanager
entdeckt: Der überredete sie, Tänzerin zu werden, da sie sehr großes Talent
zeige.

Da ihr die Ausbildung zur Bürokraft – nach dem Wunsch der Eltern –
überhaupt nicht schmeckte, riss sie einfach aus, um zum Theater zu gehen (Bild
3 und Auszüge aus dem Ausweis der Internationalen Artisten Organisation Abb.
14-21)
. Das fesche und ungemein vitale
Mädchen sah nur eine einzige Möglichkeit, der kleinbürgerlichen Enge rasch zu
entkommen, nämlich den Aufstieg zur Künstlerin. Von großem Talent, aber noch
größeren Ehrgeiz, trainierte und übte sie verbissen an ihren zunächst natürlich
kleinen Rollen als Solotänzerin und als Soubrette. Der künstlerische Durchbruch
gelang ihr ab 1926 mit dem Engagement in der Ausstattungsrevue "Wien lacht
wieder" in der Femina mit
ihrem Partner und späteren großen Förderer Karl Farkas (1893-1971). Dieser holte sie dann als Solotänzerin
und Partnerin an das Wiener Stadttheater (heute abgetragen) im 8. Wiener Gemeindebezirk  für eine Revue (Bild 4 und 5)
u.a. mit Fritz Grünbaum sowie Musik von Ralf Benatzky (1884-1957). Sehr zum Ärger des sittenstrengen
Vaters trotze sie ihm 1928, als damals noch Minderjährige, die Einwilligung zur
Teilnahme an einer Tournee nach Berlin und Holland (Bild 6-8) ab. Dabei taucht erstmals ihr Künstlername
"Lill Sweet" (Bild 9)
auf, unter dem sie in den nächsten acht Jahren Triumphe feiern sollte. Es
folgten dann laufend neue Engagements auf internationalen Varietee- und
Revuebühnen, vorwiegend in Wien und Berlin. Ihre Stärke war neben der
Bewegungsfreude und einer ungemeinen Vitalität bis ins hohe Alter ihre
Sprachbegabung sowie die leichte Merkfähigkeit von Texten und Melodien. Hier
machte sich auch die Musikerziehung seit früher Kindheit bezahlt, denn die drei
Kinder mussten alle, wie damals als Zeichen bürgerlichen Aufstiegs üblich, ein
Instrument lernen.

Bei einer Revue des österreichischen Regisseurs und Drehbuchautors
Ernst Marischka (1893-1963) unter
Mitwirkung von Karl Farkas, Fritz
Imhof, Ferdinand Unterkirchner sowie Musik von Ralf Benatzky an der Volksoper in Hamburg
"Alles aus Liebe" feierte sie als Solotänzerin ebenfalls große
Erfolge.

Im Jahr 1929 erfolgte erstmalig das Engagement in einer Schwarz-Revue
(Bild 10)
bei einer Italientournee, die für
ihr weiteres Leben bestimmend sein sollte. Denn sie lernte nicht nur perfekt
die italienische Sprache, sondern hielt auch ihrem jüdisch-stämmigen Mentor und
Impresario, Herrn Erich Schwarz,
in den schwierigen Jahren nach 1933 die Treue. Indem sie in seinen Revuen in
Italien und in der damaligen italienischen Provinz Libyen 1933-1936 mitwirkte,
wohin er aus politischen Gründen mit seiner Truppe ausgewichen war. In Rom
lernte sie schließlich auch ihren späteren Ehemann, den bekannten Theater- und
Filmschauspieler sowie Theatermanager Armando Falconi
(geb. 10. Juli 1871, gest.
10. September 1954, Lebenslauf
siehe Anlage 1
) kennen.

Für damalige Verhältnisse bereits sehr gut verdienend, schaffte sie
bald den Grunderwerb und Bau einer Villa im noblen 19. Bezirk als neues Heim
für die Familie. Mühsam ging sie täglich bei Wind und Wetter nach dem Theater
zu Fuß aus der Innenstadt nach Grinzing, um so das Taxigeld zu sparen, um neue
Texte zu memorieren und um zusätzliche Bewegung in frischer Luft zu machen.

"Auf Liebe eingestellt"
war Lill Sweet 1930 zunächst am Berliner Metropol, vormals Neues
Schauspielhaus. Der Durchbruch als Soubrette mit zahlreichen Tanzeinlagen in
der Rolle als Riquette erfolgte im gleichen Jahr in der Operette "Viktoria
und ihr Husar" mit Musik von Paul Abraham
(1892-1960) ebenfalls in Berlin. Persönliche Triumphe feierte sie aber
1933/1934 als Yola in der Operette "Clivia" von Nico Dostal (1895-1981) mit Erik Ode als Tenorbuffo-Partner Leilo Down (Bild
11)
am Theater am Nollendorfplatz
(Metropol) in Berlin-Schöneberg, die nämlich 340mal aufgeführt wurde. Sehr nett
wird dies von ihm in seinen
Lebenserinnerungen ("Der Kommissar und ich. Die Erik Ode Story, Verlag R.
S. Schulz: München und Percha 1972) auf Seite 168f beschrieben: "Wir
durften weiter arbeiten. Mein Vater (sc. Fritz Odemar) drehte irgendeinen Film
und für mich folgte schon wieder eine Operette, dieses mal "Clivia"
von Nico Dostal im Theater am Nollendorferplatz. Es war nicht ganz so schlimm,
es war nur halb so schlimm, denn ich spielte eine Traumrolle, die mehr verlangte
und mehr hergab als die Rolle in der "Friederike". // Ich spielte so
etwas ähnliches wie einen rasenden Reporter und hatte eine himmlische
Partnerin, eine Soubrette, wie man sie nur ganz selten findet. Sie hieß Lil
Sweet und war, wie schon ihr Name sagt, Wienerin. // Mit ihr zu tanzen war ein
Genuß, und das Publikum spürte wohl, wieviel Freude wir selbst bei unseren
Steptänzen hatten. Es gab keinen Abend, an dem wir nicht bis zur totalen
Erschöpfung mehrere Dacapos tanzen mußten. // Das war in der Operette damals
eine fürchterliche Sitte. Alle Lieder und Tänze, die beim Publikum ankamen,
mußten einfach wiederholt werden. Das Publikum klatschte so lange, bis man die
Nummer noch einmal sang oder tanzte. Nach manchem Dacapo kam noch ein Dacapo,
wenn die Darbietung richtig einschlug. Das Duett des Buffopaares Lil Sweet und
Erik Ode schlug ein, und wir mußten singen, tanzen und steppen, bis uns die
Zunge zum Halse heraushing, die Knie schlackerten und die Füße brannten."

Im Ufa-Palast Hamburg trat sie 1934 in Operettenszenen gemeinsam mit
Hans Heigl in einem
Scala-Gastspiel "Wenn zwei Herzen Frühling machen" ebenfalls sehr
erfolgreich auf. Wieder mit Erik Ode als Partner wirkte sie ein Jahr später an
der Scala Berlin in der Operette "Isolde, Isolde" mit.

Aber schon bald danach 1936 gab sie ihre Bühnenkarriere auf, um sich
voll der Pflege ihres wesentlich älteren und damals schon an Parkinson
erkrankten Mannes (Witwer nach dem Tode seiner ersten Frau Tina Di Lorenzo
1930, vgl. Lebenslauf in der Anlage 2)
widmen zu können. Das viel umso leichter, da ihr Mann (vgl. Bild 13) wohlhabend war und bis 1943 sehr gut verdiente und
zwei dienstbare Geister, die beiden aus Neapel stammenden ledigen Schwestern
Rosa (Köchin und Raumpflegerin) und Esther (Garderobiere und Friseuse) sie im
Haushalt und Arbeit ihres Mannes unterstützten. Im Zweiten Weltkrieg war die
Versorgungslage auch in Mailand angespannt: Da war sie als "Fliegender
Engel auf dem Fahrrad" bekannt, um entsprechende Lebensmittel für die
Familie und Nachbarn zu organisieren.

Den Lebensabend verbrachte Elisabetta als Witwe bescheiden und
sparsam von einer kleinen Künstlerrente nach ihrem Mann lebend, aber
lebenslustig und geistig wendig bis zuletzt, in Mailand und während der
Sommermonate an der Riviera in Ospedaletti. Charakteristisch war für sie die
positive Lebenseinstellung und die Freude an Bewegung bis ins hohe Alter. Sie
kannte auch keinen Neid, weder im künstlerischen noch im privaten Bereich. Auch
fand sie immer ein freundliches Wort für Mitmenschen, weshalb sie überall sehr
beliebt war. Sie starb friedlich hochbetagt am 10. Jänner 2002 in einem
Seniorenheim in der Nähe von Mailand und fand ihre letzte Ruhestätte im
Familiengrab am Grinzinger Friedhof in ihrem geliebten Wien.

Anlässlich des 100. Geburtstages am 20. Jänner 2010 wurde der Lill
Sweet-Nachlass von ihrer Nichte Renate Oberbauer
(Tochter nach Dr. F. Svoboda, Bild
14
) dem Österreichischen Theatermuseum
übergeben. Die zahlreichen Fotografien, Zeitungsartikel und Erinnerungsstücke
an das Theater sollen das Andenken an diese bemerkenswerte Künstlerin der
leichten Muse aus der Staudingergasse im Wiener XX. Bezirk wach halten.

  • Adresse: Staudingergasse, 1200 Wien

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