Nur mit Schirm, Charme und Sandale

Der kundige Wiener möchte es wohl einen Wiegel-Wogel nennen: Die Freikörperkultur in der Lobau hat das zweite Jahrzehnt des 21. Jahrhunderts unversehrt betreten. Während die FKK-Campingwagen-Gemeinde Europas zehntausende Mitglieder zählt – allesamt Feinspitze ihres rollenden Fachs, die um die schönsten (FKK-)Standplätze des Kontinents wissen –, plagt den lokalen Verein allerorts Nachwuchsmangel.

Vom Triumph in die Vergessenheit

Es ist ein doppeltes Siegerschicksal, das die 770 Vereinsmitglieder des Naturistenparks Lobau mit 10 Hektar Größe und einem eigenen ­Badebereich im Mühlwasser plagt: Als die Urgründe der Wiener Nudisten an der Alten Donau der Donauinsel weichen sollten, kam es zur Spaltung. Die „Radikalen“, rund um das Wiener Original Waluliso (be-)setzten FKK-Zonen auf der Insel durch. Die Gemäßigten FKKler nahmen das Angebot der Stadt Wien in Form des heutigen Areals in der Lobau an. An die Breite der alten Volksbewegung knüpfte man als „Kolonie“ freilich nicht mehr an.

Doch in der schönsten Anlage dieser Art haben sich die FKKler dem freien Leben verschrieben. Obwohl: „FKK“ hören sie nicht gerne, da dieser Begriff, wie Obmannstellvertreter Karl Nowotny  erklärt, zu sehr vom Rotlichtmilieu besetzt sei. Und hier legt man auf fami­liäre Atmosphäre, in der sich jeder jeden Alters ungestört nackt bewegen kann, Wert.

Eine Gemeinschaft, wo jeder aufpasst

"Einer schaut auf den ­anderen, und alle passen auf, dass die Regeln eingehalten werden“, so Anneliese Rupsch, die den elf Personen umfassenden Vorstand leitet, „da man sich ausweisen muss, um hier aufgenommen zu werden, gibt es auch keine Probleme“. Gemeint sind vor allem Spanner, die den Freigeistern auf der Donauinsel ihre Lebensart vergällen. 77 Euro beträgt der jährliche Mitgliedsbeitrag derzeit, maßgeblich miterhalten wird der Verein aber von den 162 Dauercampern, die hier das ganz Jahr über ihre Wohnwägen stehen haben. Dazu kommen noch 15 temporäre Stellplätze für Gäste aus den Bundesländern oder dem Ausland. Wohnmobile sind übrigens nicht erlaubt, denn das in zwei Abschnitte unterteilte Gelände steht unter Naturschutz.

Für Karl Nowotny ist Naturismus eine Lebenseinstellung. "Ernsthafte Menschen haben sich früher nicht ausgezogen und tun es heute nicht“, schmunzelt der aktive Senior. "Das muss einem gefallen, und man sollte Freude an der Bewegung haben, denn wir sind auch ein Sportverein.“ Er selber ging schon in der Nachkriegszeit mit seinen Eltern zu Fuß in die Lobau und ist einer von denen, die bereits die Übersiedlung des Vereins von der Hirscheninsel auf das jetzige Gelände in der Brockhausengasse aktiv mitgestalteten. "Das war 1974, und damals war das nicht viel mehr als ein Acker.“ Die Begrünung besorgten die Mitglieder selbst, so wie auch heute noch alle Arbeiten von freiwilligen Helfern erledigt werden. Vom Grasmähen über Reparaturarbeiten bis hin zur Ausschank. Obfrau Anneliese Rupsch hat sich im ehemaligen Gärtnerhaus ein Büro eingerichtet und leistet beinahe einen Fulltime-Job. Vom Jazz Brunch über Tanzabende bis hin zu Kabarettabenden reicht das kulturelle Angebot. 

Und je jünger, umso g’schamiger sind’s

"Als ich vor 25 Jahren zum ersten Mal hierherkam, war das ein großes Problem für mich, zum Glück war es damals eisig kalt, und ich durfte angezogen bleiben. Aber man wächst hinein, heute könnte ich es mir nicht mehr anders vorstellen.“ Dass sich vor allem ältere Menschen textilfrei der Sonne hingeben, erklärt sie so: "Wenn man in Pension ist, hat man einfach mehr Zeit, und man ist ab einem gewissen Alter auch freier mit dem eigenen Körper und verständnisvoller für andere.“

Und tatsächlich, ob groß, klein, dick oder dünn spielt im Naturistenpark keine Rolle. Der Nachwuchs liegt Anneliese Rupsch sehr am Herzen, "denn gerade zwischen 15 und 30 haben wir eine Lücke“. Da sei man am prüdesten, wie sie an ihrem eigenen Enkelsohn erklärt. "Der war bereits als kleines Kind mit uns hier und hat sich schon im Auto ausgezogen, so sehr hat er sich darauf gefreut. Mit 14, 15 wollte er dann eine Badehose tragen, heute ist er 23, hat eine feste Freundin und kommt gemeinsam mit ihr wieder.“

Wer es einmal versuchen möchte, für den gibt es die Möglichkeit, um 5,50 Euro einen Tag im idyllischen Nacktparadies zu verbringen. Kinder und Jugendliche zahlen nichts, für die Kleinen gibt es einen tollen Abenteuerspielplatz, die Großen können Faust- oder Volleyball, Indiaca, Schach, Petanque und Tischtennis spielen, wuzzeln, russisch kegeln, saunieren oder schwimmen.

Negative Erlebnisse mit ihrer Umwelt hatten weder Anneliese Rupsch noch Karl Nowotny je, aber überraschende: "In meiner Firma hat man mir Fragen gestellt, wie: 'Gestern war es so kalt. Was habt ihr denn da gemacht?'. "Wir haben uns angezogen, lautete meine Antwort“, kann Frau Rupsch noch heute herzlich lachen.

www.naturistenpark-lobau.com

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