Strom aus der Sonne: In Wien beginnt alles

Wien ist derzeit Energiehauptstadt der Welt. Vertreter aller europäischen Länder und der Mittelmeerstaaten beraten gerade in der Walzerstadt das größte Energieprojekt des Jahrhunderts: Sonnenstrom aus Afri­ka für Europa. Das Projekt klingt kinderleicht und logisch. Sonne haben die arabischen Mittelmeeranrainer genug. Was liegt also näher, als brachliegende Wüstenflächen mit Sonnenkraftwerken zu bestücken? Umso mehr, als Wissenschaftler berechnet haben, dass eine Fläche im Promillebereich der Sahara reicht, um den Nahen Osten und Europa vollständig mit Strom zu versorgen.

Der mediterrane Solarplan aus Wien

Österreichs Mann für diesen Plan ist Stefan Schennach. Er ist Präsident des Ausschusses für Energie, Umwelt und Wasser der EMPA (Euromediterrane Parlamentarische Versammlung), die sich mit genau dieser Frage beschäftigt. Schennach – er vertritt Wien auch im Bundesrat – ist für die Umsetzung dieses mediterranen Solarplans zuständig. Aber auch für Unterwassernationalparks, um die Biodiversität und den Fischbestand zu erhöhen, und für ein Abfallwirtschaftskonzept, um die Meeresumwelt zu schützen. "Ich sehe in diesen Fragen eine gewaltige ­Chance für die Mittelmeerstaaten und ganz Europa“, gibt sich Schennach zuversichtlich. Inzwischen hat diese ambitionierte Idee der afrikanischen und arabischen Sonnenkraftwerke Gestalt und Namen angenommen. "Desertech“ nennt sich ein Konsortium aus Konzernen wie Siemens, dem Stromriesen RWE oder der Deutschen Bank.

Saubere Energie, kaum Wartungen

Die Teilnahme dieser gewinn­orientierten Konzerne verdeutlicht die Win-win-Situation, die das Projekt für alle Beteiligten bringen könnte. Die Staaten, in denen Solarstrom erzeugt wird, profitieren von billigem, erneuerbarem Strom und von Abgaben der europäischen Strombezieher. Der Vorteil von Sonnenkraftwerken sind auch geringe Wartungskos­ten, der Treibstoff des Kraftwerks – Sonnenschein – wird ja zuverlässig geliefert. Und Europa profitiert zuerst von Aufträgen für den Bau von Kraftwerken und Leitungen und danach von günstigem erneuerbarem Strom. So weit, so gut. Die Probleme liegen aber wie immer im Detail. Und genau diese Details werden von Schennach und seinen parlamentarischen Kollegen in Wien angegangen.  Etwa: Schaffen Sonnenkraftwerke in Afrika nicht mehr Importabhängigkeit von politisch unsicheren Staaten? Ja, aber deshalb muss jede Entscheidung – von der Panung bis zum Verbrauch – gemeinsam beschlossen werden. Geht durch den tausende Kilometer langen Transportweg nicht viel Strom verloren? Tatsächlich betragen die Verluste beim elektrischen Hochspannungsverkehr vier bis fünf Prozent pro 1.000 km.

Von Tunesien bis Skandinavien gehen also höchstens 15 Prozent verloren. Ein weiteres Problem stellt die Speicherung von Energie dar. Denn der im Sommer zu viel erzeugte Strom fehlt im Winter. Hier bieten sich für die Planer Speicherkraftwerke an. Mit dem überflüssigen Strom, der im Sommer anfällt, wird Wasser in Speicherkraftwerke in die Berge hinaufgepumpt. Im Winter schießt das gespeicherte Wasser durch Turbinen in der Ebene und erzeugt so wieder Strom. Spätestens hier kommt wieder Öster­reich ins Spiel. Denn einige der Planer sind auf die logische Idee gekommen, die Alpen als europäische Stromspeicher benutzen zu wollen. Angesichts der Widerstände, die jetzt schon in Österreich gegen den Ausbau von Speicherkraftwerken auftauchen, wären hier beinharte Konflikte programmiert.

Big is beautiful? Warum nicht klein?

Und überhaupt – warum ein derart riesiges Projekt? Wäre es nicht besser, auf kleine, dezentrale Produktion von Energie zu setzen? Das passiert im Übrigen auch. Die Stadt Wien fördert die Nutzung von Solarenergie. Allerdings geht es hier um Photovoltaik, also um die direkte Umwandlung von Sonnenenergie in Strom. Windkraft und Wasserkraft werden auch in 40 Jahren ­einen wichtigen Teil der Energieversorgung tragen. Forscher in Wien arbeiten zum Beispiel derzeit schon an ­Solarzellen, die in Farbanstrichen versetzt Strom erzeugen. Dadurch wird die Hauswand zum eigenen Kraftwerk. Nur ist der Grad der Umwandlung in elektrische Energie noch sehr gering. Dazu kommt ein unlösbares Problem: Die Sonne scheint bei uns bei weitem nicht so stark und lange wie im südlichen Mittelmeer. Im Übrigen ist Desertec nicht das einzige Projekt, das bereits konkrete Form angenommen hat. In Frankreich wurde "Transgreen“ ins Leben gerufen. Die Franzosen wollen den Strom nicht per Hochspannungsleitung nach Europa bringen, sondern mittels Kabeln unter dem Mittelmeer. Fest steht: Je vorstellbarer die Idee Schennachs und seiner Mitstreiter wird, desto mehr Beteiligte wird es geben. Von Nordafrika bis Wien.

INFO: Sonne wird zu Strom

Wie funktioniert ein Sonnenkraftwerk? Es funktioniert genau wie ein Kohle-Dampfkraftwerk, nur wird anstatt der Kohle konzentrierte Sonnenenergie zur Dampferzeugung genutzt. Zu diesem Zweck werden große Spiegel der Sonne nachgeführt, um das Sonnenlicht wie in einem Brennglas zu bündeln. Der Brennstrahl erhitzt eine Flüssigkeit bis auf 390 Grad. Diese Flüssigkeit erzeugt Dampf, der eine Turbine antreibt, die Turbine erzeugt Strom. Ein großer Vorteil dieser Technologie ist, dass man einen Teil der Sonnenwärme tagsüber in großen Wärmespeichern sammeln und dann nachts oder ganz gezielt bei Lastspitzen an den Dampfkreislauf abgeben kann. Damit kann erneuerbare Ausgleichs- und Regelenergie nach Bedarf im elektrischen Netz bereitgestellt werden. Weder CO2 noch nukleare Strahlung wie bei anderen Kraftwerken wird erzeugt.

  • Adresse: Parlament, 1010 Wien

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