Von Jägern, Fellen und Trophäen

Helmut Raith ist kein Mann großer Worte – eher einer der großen Tiere, großer ausgestopfter Tiere. Seit mehr als 40 Jahren übt Raith den Beruf des Tierpräparators aus, ein durchaus umstrittenes, aber sehr, sehr altes Gewerbe. Immerhin wussten schon die
Neandertaler, wie man Tieren das Fell – in der Fachsprache Balg genannt – über die Ohren zieht, um es etwa als Kleidungsstück zu verwerten.

Felle gerben statt
Briefe austragen

Raiths Einstieg in den Beruf war kein reibungsloser. „Ich war schon als Schüler fasziniert von den Tieren im Jagdmuseum und hab dort nach der Schule ein bisschen her­umgebastelt“, erinnert sich der 59-Jährige. Als er dann seine Eltern mit dem Wunsch konfrontierte, Tierpräparator zu werden, reagierten diese prompt: „Das kommt überhaupt nicht in Frage, du wirst Postler.“ Aber wenn Raith sich etwas in den Kopf gesetzt hat, lässt er nicht locker. Und trotz bestandener Post- und Telegraphenprüfung trat er die dreijährige Lehre zum Tierpräparator an. Mittlerweile kann der geprüfte Meister sich nicht gerade über eine dürftige Auftragslage beklagen.

Mit Kakadu und Cobra am Mittagstisch

Was die Ganzpräpa­rate exotischer Tiere betrifft, ist er sicher einer der Experten Österreichs. Auf etwa 600 m2 in der Margaretner Diehlgasse kann man eine Vielzahl „ausgestopfter“ Tiere bewundern.
Vom Moschusochsen über alle möglichen Huftiere bis zum Warzenschwein stapeln sich Kopf- und Ganzpräparate, Felle und Knochen in der Werkstatt. In der Küche leisten unter ­anderem eine Kobra und ein Kakadu den Arbeitern Gesellschaft.  

Vom Balg zum gegerbten Vorleger

Derzeit werden im Päparatorium Raith auch zwei Lehrlinge ausgebildet. „Für diesen Beruf braucht man handwerkliches Geschick, Geduld und sollte logisch mitdenken können“, erklärt der Experte. Etwa 60 % der Aufträge, die hier erledigt werden, sind Präparationen exotischer Tiere. „Dabei ist es für Jäger wichtig, sich bereits im Vorfeld mit dem Präparator ihres Vertrauens in Verbindung zu setzen. Damit die Trophäen in EU-Länder eingeführt werden dürfen, müssen sie vorher mit Wasserstoffperoxid desinfiziert und gebleicht werden und einzeln in durchsichtigem Plastik verpackt sein. Felle und Häute müssen gesalzen und getrocknet und ebenfalls einzeln in Kunststoff verpackt werden“, erklärt Raith.

Präzises Handwerk
und sehr viel Geduld

Ist der Balg dann angekommen, wird er nochmals eingeweicht, gegerbt, geschnitten, eingefettet und getrocknet. Dann kommt er über ein vorgefertigtes Modell des Tieres, das vom Präparator angepasst wird – je nach Größe des Balgs. Diese Arbeit ähnelt der eines Bildhauers – besonderer Wert wird auf die Natürlichkeit des Ausdrucks gelegt. Und dann wird der Balg vernäht.

Karger Stundenlohn

Alles in allem eine sehr langwierige Arbeit, „der Stundenlohn eines Präparators ist ein Trauerspiel“, erklärt Raith. Für einen ganzen Löwen etwa, der von einem Jäger geschossen und dann zum Präparator gebracht wurde, brauche er schon 60 bis 70 Stunden. Und auch wenn sein Sohn bereits im Betrieb arbeitet, denkt Raith senior nicht an die Pension: „Ich mache das, so lange ich will und so lange mein Sohn mich braucht“, sagt Raith und macht sich auf den Weg zu einem Kollegen, der gerade an einer Antilope werkt. 

  • Adresse: Diehlgasse 36, 1050 Wien

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