Zwölftonmusik im Panigl ?

Wenige Gäste des Restaurant Panigl im achten Wiener Bezirk wissen, wenn Sie das schöne Lokal mit der langen Bar von der Josefstädterstraße aus betreten und sich an einer gegenüber der Bar hängenden kleinen alten Fotografie eines Mannes vorbei in den gastronomischen Innenraum begeben, daß es sich bei dem Mann auf dem Bild um den geistigen Urheber der Zwölftonmusik, Josef Matthias Hauer handelt. Dieser in Wiener Neustadt geborene Zeitgenosse Arnold Schönbergs lebte im zweiten Jahrzehnt des vorigen Jahrhunderts gegenüber des Hauses Josefstäderstraße 91, in dem sich heute seit den späten Achtzigern des vorigen Jahrhundert das „Panigl“ befindet. Anno dazumal war J.M. Hauer Stammgast in dem in der ersten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts ebenfalls als Gaststätte betriebenen Lokal. Weiter unten im achten Bezirk, beim Cafè Hummel, ehrt der Name des Platzes diesen in weiten Kreisen kaum bekannten Komponisten und Musiktheoretiker: Josef Matthias Hauer Platz.

Im Oktober 1989 öffnete das Restaurant Enrico Panigl in der Josefstädterstraße seine Pforten und avancierte rasch zum täglich gesteckt vollen Szene-Restaurant mit Kellerei und Barbetrieb. Es scheint ein eigener Geist zu sein, auf dem dieser Platz baut und dem das schöne Gewölbelokal treu bleibt: einer Symbiose von Tradition und Moderne. Der nostalgischen Geschichte des Enrico Panigl (“Triest-Wien-Marienbad”) steht die Liebe zur modernen Kunst gegenüber: unter anderem die verschiedenen großformatigen Schütt-Bilder von Hermann Nitsch am Ende des Raumes machten das Lokal innerhalb der Wiener Szene der letzten 2 Jahrzehnte legendär und vor allem bei Personen aus Kultur- und Medien sehr beliebt. Zur Zeit ziert den Ort ein Gemälde des Wiener Künstlers Rudolf Polanszky.

Zuguterletzt ist es heute auch immer wieder die ausgezeichnete mediterrane Küche und das Angebot an guten Weinen, das zu später Stunde an der Bar lehnend, inmitten von vernetzten Gedanken an die Zwölftonmusik und den Wiener Aktionismus sowie interessanten Gesprächen mit anderen Gästen im Panigl verweilen läßt.

Die musikalische Untermalung im Lokal zeugt nicht von der Präsenz eines Josef Matthias Hauer, und das ist auch gut so. Die Düfte von Fisch-, Rosmarin- und Linguine ecetera, das Lautmalerische von klingenden Gläsern, Lachen und Stimmengewirr würden der mitunter meditativen und auf philosophischen Gedanken aufbauenden Musik Hauers wenig dienlich sein. Jedoch… warum eigentlich nicht ? Vielleicht würde sich durch eine Live An-hörung von Hauers Musik in diesem Ambiente, die Vermischung der sinnlichen Düfte, der leichten Berauschung durch einen guten schweren Rotwein eine “Be-sinnung” auf Stille und eine andere Zeit einstellen, und das Laute, Schnelllebige unseres sogenannten ruhmhaften einundzwanzigsten Jahrhunderts kurzzeitig vergessen lassen ? Vielleicht gefällt das ja auch der Ahnherrin des Restaurants, die in der offenen Küche selbstbewußt lächelnd aus dem alten Gemälde schaut und leise, still und fast unbemerkt über diesen Ort zu wachen scheint…

  • Adresse: Josefstädter Straße 91, 1080 Wien

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