Neubau: Pflegenotstand im Kosmostheater

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Es ist ein von Aspekten des Alterns und Altseins durchsetzter Text, den die Autorin mit „Geister sind auch nur Menschen“ vorgelegt hat. Die Regisseurin Barbara Falter hat den Stoff gemeinsam mit dem Choreografen Tobias M. Draeger auf die Bühne des Kosmos Theaters gebracht. Tanz, Sprache und Schauspiel setzten sich schonungslos mit der Rolle der alternden Gesellschaft, dem Pflegebegriff und den Pflegenden auseinander. Ein vierköpfiges Ensemble zeigt das Stück noch bis einschließlich 18. Mai im Kosmos Theater, 7., Siebensterngasse 42.

Trailer:

Interview mit Regisseurin Barbara Falter

WBB: Was lässt sich durch Bewegung sagen, wozu Sprache nicht fähig ist?

Barbara Falter: Der Einsatz von Bewegung/Körperlichkeit ermöglicht mir in meiner Theaterarbeit eine zusätzliche Erzählebene abseits des Textes und doch in direkter Verbindung mit diesem.

Zusammen mit dem Choreographen Tobias M. Draeger interessierte mich in der Vorbereitung von „geister sind auch nur menschen“ vor allem das Thema der körperlichen Berührung. Wir kamen dabei auf die verschiedenen Arten bzw. Qualitäten von Berührung – Begriffe wie Zärtlichkeit, Pragmatismus, Schmerz, Gewalt, Schüchternheit, Bestimmtheit, etc. dienten dabei als Ausgangsmaterial in der Erarbeitung des Bewegungsmaterials.

Der geschäftige Alltag im Pflegeheim lässt oft keinen Spielraum mehr für Berührungen, Zu Pflegende werden quasi im Akkord umgebettet, die Abläufe sind streng getaktet, es bleibt kaum Zeit für eine individuelle Auseinandersetzung mit den alten Menschen. Und doch ist deren Sehnsucht danach häufig groß.

Kürzlich habe ich in einer Ausstellung einen japanischen Roboter gesehen, der in der Sterbebegleitung eingesetzt wird und Patient*innen über die Hand streichelt. Das hat mich sehr betroffen gemacht.

 

WBB: Wie lässt sich das Altern/Alt sein ins Spiel übersetzen? Was ist da der Ansatz?

Barbara Falter: Katja Brunners Text ist durchsetzt vom Thema des Alterns/Alt seins – sowohl in Bezug auf den Geist als auch auf den Körper: das Schwinden des Erinnerungsvermögens, die Einschränkungen des Bewegungsapparats, das Schwächerwerden der Organe, der Verlust der Sprache, die Sehnsucht nach dem Sterben und die Auseinandersetzung damit sind omnipräsent.

So taucht beispielsweise eine Frau Heisinger auf, die ihren Widerstand gegen die Zustände im Heim durch regelmäßiges Koten „auf die Böden dieser Hallen“ kundtut und sich nichts sehnlicher wünscht, als endlich sterben zu dürfen. Oder eine Frau Simplon, die ihre Erinnerungen – „die Stoffe der Röcke, die man mochte, die Tischplatten, an denen man saß“ – wiederaufleben lässt. Auch eine ehemalige Stenotypistin erscheint, die ihren Kinderwunsch der Karriere geopfert hat und sich nun die Eierstöcke entfernen lassen möchte, da sie ja nun „praktisch gesehen sehr unnötig“ seien. Neben diesem „Arsenal der Alten“ verleiht Katja Brunner aber auch den „Pflegefachkräften und Pflegefachschwächen“ eine Stimme und prangert die Zumutungen des Systems an, das eine ständige Überforderung und Überbelastung des Personals zur Folge hat.

Die offensive Thematisierung des Alters im Stück führt dazu, dass wir uns für die szenische Umsetzung – in der Besetzung (es spielen Barbara Gassner, Karola Niederhuber, Isabella Jeschke und Tobias M. Draeger) ebenso wie in der Ausstattung – sehr bewusst gegen eine Darstellung bzw. Bebilderung des Alters/Alt seins entschieden haben.

 

WBB: Alternde Gesellschaft/Globale Gesellschaft:

Wie lassen sich diese Gegensätze/Synergien darstellen/auflösen?

Barbara Falter: Das Thema der alternden Gesellschaft und insbesondere die Abschottung alter Menschen in unserer globalisierten Gesellschaft sind zentrale Angriffspunkte in Katja Brunners Text und waren – neben der so kunstvollen Sprache – auch ein wichtiges Kriterium in der Auswahl des Textes. Viele alte Menschen befinden sich quasi in einem Zwischenzustand, einer Isolation, in welche sie von der Gesellschaft gedrängt werden, denn – drastisch formuliert: sie sind nicht mehr Teil des „funktionierenden“ Systems und müssen innerhalb dessen doch betreut und versorgt werden. Doch die eigentliche Chance läge meiner Meinung nach darin, den Begriff des „Funktionierens“ zu hinterfragen und den Fokus wieder mehr auf einen Austausch zwischen den Generationen und die gegenseitigen Verantwortungen zu legen.

 

WBB: Provokant: Sind es nicht die jetzigen Alten, die diese Leistungsgesellschaft geschaffen haben?

Barbara Falter:Das Leistungsprinzip als Basis für einen sozialen Aufstieg und das damit verbundene Phänomen der Leistungsgesellschaft sind bedeutend älter als unsere jetzigen Alten. Und doch haben sie ihren Teil dazu beigetragen, von einer gewissen gesellschaftlichen Verantwortung können wir also weder sie noch uns selbst freisprechen (weder in junger noch in alter Generation).

Denn das Thema Pflege ist eine tickende gesellschaftliche Zeitbombe und unser aktuelles Gesundheitssystem wird dieses in dieser Form in Zukunft nicht bewältigen. Zugleich gibt es aber auch bereits alternative Konzepte, wie beispielsweise die „buurtzorg“ (dt. „Nachbarschaftshilfe“) in den Niederlanden: ein professioneller, ambulanter Krankenpflegedienst, der alten Menschen auch im hohen Alter länger ein Leben zuhause ermöglicht und den Pfleger*innen bei mehr Eigenverantwortung und weniger bürokratischen Aufwand mehr Zeit für die jeweiligen Klient*innen lässt.

Ich hoffe sehr, dass sich in den nächsten Jahren derlei Konzepte auch in Österreich mehr und mehr durchsetzen (leider macht die aktuelle Regierung keinerlei Anstalten in diese Richtung) und ein Bewusstsein für die Dringlichkeit einer Auseinandersetzung mit dem Thema Pflege – auch in einer jungen Generation – entsteht.

Und: Was verbindest du mit dem 7. Bezirk, welche Orte schätzt du an Wien?

Barbara Falter: Mit  dem 7. Bezirk verbinde ich aktuell einen starken Wandel im Erscheinungsbild: die Begegnungszone Mariahilferstraße, kleine Boutiquen lokaler Modelabels, neue Bars/Cafés, Galerien, etc.. Seit meinem Wegzug aus Wien vor sechs Jahren hat sich hier sehr viel verändert und ich genieße es, diese neuen Orte zu entdecken. Neubau repräsentiert für mich das Herz einer pulsierenden, lebendigen Großstadt im Wandel.

Gleichzeitig liebe ich Wien aber auch für seine vielen „urigen“ bzw. ursprünglichen Orte – ich verehre die einzigartige Kaffeehauskultur (übrigens ein sehr wichtiger Treffpunkt der verschiedenen Generationen), schätze die Nähe von Großstadt und Naherholungsgebiet (ein Hoch auf den Wiener Wald) und die vielfältige Kulturlandschaft.

Außerdem leben viele meiner Freund*innen aus Kindheit und Studienzeit ebenso wie ein Teil meiner Familie in Wien – das macht diese Stadt so besonders.

Lieblingsorte: Das Akademietheater. Der Rüdigerhof. Die Jubiläumswarte.