Warum ich kein Genie im Schach sein möchte

©Andreas Hochgerner

Dieter Chmelar über … zwei Jubiläen auf den 64 schwarzen und weißen rot-weiß-roten Schlachtfeldern des Königs der Spiele. 100 Jahre Verband, 120. Todestag des ersten Champions.

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Dass es allein für die ersten 20 Züge im Schach mehr Möglichkeiten gibt, als wir bis dato Himmelskörper kennen, möge die Komplexität des Spiels illustrieren. Komplexität ist dabei ein gutes Stich- und Schlagwort. Denn, wie es ein großer Geist der mindestens 800 Jahre alten ursprünglichen Kriegsstrategie, Siegbert Tarrasch, vor gut einem Jahrhundert so trefflich formulierte: „Es gibt viele Schachmeister, aber keinen Meister des Schachs.“
Obwohl ich den alten Witz liebe, in dem ein Heurigen­musiker den Gast fragt: „Was soll ich für Sie spielen?“ und dieser darauf (relativ) trocken antwortet: „Schach!“, bin ich dennoch einigermaßen dankbar, weder das eine noch das andere Instrument zu beherrschen oder gar von beiden beherrscht zu werden (Zither und Zitterpartie gewisser­maßen). Zu viele überragende Figuren beiderseits der 64 Schlachtfelder haben im Leben versagt oder, besser formuliert, es wurde ihnen das Leben versagt. Wussten Sie, dass der erste „amtliche“ Weltmeister ein (Alt-)Österreicher war? Und wussten Sie, wie bizarr, um nicht zu sagen „matt“, er endete? Ich sage Ihnen: Sie wollen kein Steinitz werden! Ich auch nicht …

Verrückte Figuren
Der gebürtige Prager (damals k. u. k.-Monarchie) Wilhelm Steinitz wird als erster Schachweltmeister geführt, seit er 1866 gegen Adolf Anderssen in London mit 8 : 6 gewann. Er starb vor 120 Jahren mit 64 in New York. Der Verlust seines Titels gegen den Deutschen Emmanuel Lasker 1894 beeinträchtigte seine Psyche dermaßen, dass er in einer Moskauer Nervenheilanstalt behandelt werden musste. Er wollte ohne technische Hilfe allein durch Gedankenübertragung telefonieren. Zuletzt halluzinierte er, dass von ihm elektrische Ströme ausgingen und er dadurch die Schachfiguren bewegen könne. Danach wollte er gegen Gott spielen und gab ihm einen Bauern vor. Direkt harmlos wirken dagegen die Schicksale von Akiba Rubinstein, Polens bestem Schachspieler des frühen 20. Jahr­hunderts, der sich bei jedem Turnier von einer Fliege
bedroht und belästigt fühlte – vom Semmering bis nach Sankt Petersburg. Paul
Morphy, bester Spieler um 1860, starb mit 47, vermutlich an Selbstmord, in der Badewanne, Weltmeister Alexander Aljechin konnte seit den 1930ern keinen Zug mehrmachen, außer aus dem Cognac-Schwenker, und urinierte gelegentlich gern auf die Bühne, Bobby Fischer, der
Gigant der 1970er, gefiel sich als Jude in der Rolle des rabiaten Antisemiten.

Lob der Laienschaft
Ich halte es da lieber mit ­Stefan Zweig, der in seiner so unübertrefflichen wie beklemmenden „Schachnovelle“ (1943) den Zaubersatz ersann: „Schach ist wie die Liebe. Allein macht es weniger Spaß.“ Ein bisschen schlüpfriger formulierte es der trinkfeste Aljechin, der auf die Frage, wo ihm eine Dame ­lieber sei, auf dem Brett oder im Bett, antwortete: „Das kommt auf die Stellung an.“ Übrigens: Im Herbst dieses Jahres erscheint eine liebevoll von Hannes Neumayer und Präsident Christian Hursky gestaltete Festschrift anlässlich des 100. Geburtstags des Österreichischen Schach­bundes (echomedia).

Im nächsten Heft: Peter Rapp mit seinen „Wiener Geschichte(n)“.