Dieter Chmelar über … den Wortkünstler Joesi Prokopetz, der 51 Jahre nach dem Ambros-Kulthit „Es lebe der Zentralfriedhof“ pünktlich zu Allerheiligen einen gleichnamigen, bitterbösen, blutrünstigen Krimi präsentiert. Zum Totlachen!
Nach „Hofer“ (2023) und „Die Blume aus dem Gemeindebau“ (2025) vollendet Prokopetz seine kriminelle Austropop-Trilogie folgerichtig unter dem Titel jener morbiden Moritat, die ihm 1975 für seinen Studienkollegen an der Universität des Lebens, dem Café Hawelka, eingefallen war. Wolfgang Ambros hatte die Melodie, Christian Kolonovits das Arrangement und der verbummelte Ottakringer Joesi binnen zweier Stunden die so todsicheren wie unsterblichen Worte in den Granit des goldenen Wiener Herzens gemeißelt wie eine gruselige Grabinschrift: „Am Zentralfriedhof is Stimmung / wia’s sei Lebtag no net war / wäu alle Toten feiern heute / seine ersten hundert Jahr’!“ Das druckfrische Werk (208 Seiten, edition a, 22 Euro) kreist um obskure Okkultisten, patscherte Polizisten, rätselhafte Ritualmorde und ein arglistiges Attentat auf Bruno Kreisky im Wien der 1970er. Über allem und zwischen den Zeilen schwebt die helle Freude am tiefschwarzen Humor, entstiegen der gespenstischen Gruft der Wiener Seele. Dass hingemetzelte Opfer wieder zum Leben erwachen, entspricht freilich weder der Sehnsucht noch der Überzeugung des atheistischen Autors: „Es fehlt mir gar nicht am Glauben an eine bessere Welt – aber nicht durch gütige Götter, sondern nur durch Vernunft, Toleranz und den freien Austausch von Ideen.“
Lauter Widerspruch
Gerne zitiert Prokopetz, der spätestens seit seinem 70er-Geburtstag nicht mehr feiert, „sondern erleidet“, den gnadenlosen Großmeister genialen Grantelns, Thomas Bernhard: „Der Tod ist eine einzige Zumutung für jeden Geistesmenschen.“ Woody Allen soll zum Thema Lebensende befunden haben: „Ich bin nach wie vor dagegen.“ Ein Quell der Lebensfreude sind die Wünsche weltberühmter Weiser, was ihre Grabinschrift betrifft. Clark Gable wählte „Zurück zum Stummfilm“, der Komiker W. C. Fields verfügte „Lieber wäre ich in Philadelphia“ und Peter Ustinov wollte auch unter der Erde über alle Maßen höflich bleiben: „Entschuldigen Sie bitte, dass ich nicht aufstehe.“
Liebste Witze
Joesi, profunder Kenner von Perlen jüdischen Humors, verrät die Top 3 seiner ewigen Bestenliste: „1. Ein reicher Jude liegt im Sterben und winkt seine Frau herbei: ‚Sarah, bitte lege dein schönstes Gewand und deinen teuersten Schmuck an.‘ – Sie: ‚Gerne, Samuel, aber wieso?‘ – Darauf bereits röchelnd: ‚Gleich kommt der Tod, vielleicht gefällst DU ihm besser.‘“ – „2. Zwei Juden stehen an der Reling der sinkenden Titanic. Der eine ist gefasst und ruhig, der andere jammert und jammert. Sagt der Gefasste: ‚Was jammerst du? Ist es DEIN Schiff?‘“ – „3. Ein Friedhofsbesucher beobachtet einen Mann, der stets anklagend und gen Himmel starrend die Stimme erhebt: ‚DEN hättest du nicht sterben lassen dürfen, DEN hättest du nicht sterben lassen dürfen!‘ Endlich fragt der Besucher mitfühlend: ‚Um wen geht es? Um Ihren Vater, Ihren Bruder, Ihren besten Freund?‘ Darauf der Angesprochene: ‚Nein – um den ersten Mann meiner Frau.‘“
Letzte Worte
Prokopetz, dem „völlig wurscht“ ist, wie und wo sein „Zellhaufen“ beerdigt wird, wünscht sich für den Fall eines Grabsteins als Inschrift: „Gott gibt es nicht, sterben Sie also unbesorgt.“ Darunter klein, aber leserlich: „Professor Prokopetz.“ Woran man ablesen kann: „Es lebe der Zentralfriedhof“ war ein wichtiger Titel seines Schaffens, aber die ehrenhalber verliehene akademische Würde ist ihm doch noch ein kleines bisserl wichtiger. Tröstlich österreichisch!


SCHLUPFLOCH |Krimi-Autor Prokopetz (li.) und Kolumnist Chmelar fanden einen Notaus-gang (!) am Zentralfriedhof. |
©Jürg Christandl/KURIER

