Nach Jahren des Wartens, intensiver politischer Debatten und juristischer Auseinandersetzungen ist der offizielle Startschuss gefallen: Die ÖBB modernisieren die Verbindungsbahn. Wie wird sich das auf den 13. Bezirk in den nächsten Monaten und Jahren auswirken?
Beginnen wir mit den versprochenen Vorteilen, die die “Attraktivierung der Verbindungsbahn” bringen soll: Das 511,5 Millionen Euro schwere Infrastrukturprojekt soll Hietzing langfristig besser an das Schnellbahnnetz anbinden und die Lebensqualität durch das Auflassen von Schrankenanlagen erhöhen. Doch bis zur geplanten Fertigstellung im Jahr 2036 steht den Hietzingern eine Geduldsprobe bevor. Der Baustart bringt eine jahrelange Baustelle direkt in den 13. Bezirk.
Zwischen Fortschritt und Frust
Die ÖBB versprechen mit der neuen West-Ost-Achse einen Quantensprung für Pendler. Herzstück im Nordabschnitt ist die neue Haltestelle an der Hietzinger Hauptstraße, die Ende 2029 in Betrieb gehen soll. Die Bahntrasse wird hier auf einer Länge von rund 800 Metern in Hochlage geführt. Das hat einen entscheidenden Vorteil: Die Bahnschranken an der Auhofstraße und der Hietzinger Hauptstraße fallen dauerhaft weg. Stattdessen entstehen offene, barrierefreie Unterführungen, die den Bezirksteilen ein engeres Zusammenwachsen ermöglichen.
Trotz dieser positiven Zukunftsaussichten blicken viele Hietzinger mit gemischten Gefühlen auf das Projekt. Kritiker und Bürgerinitiativen bemängeln unter anderem die optischen Auswirkungen der Hochtrasse auf das historische Ortsbild und sorgen sich um den Verlust von Grünflächen.
Dazu kommt: Der Weg zur modernen Schieneninfrastruktur ist staubig und laut. Hietzing muss sich auf eine jahrelange Bauphase einstellen. Zwar hat das Bundesverwaltungsgericht strenge Grenzwerte für Erschütterungen festgelegt – bei Überschreitung müssen Arbeiten sofort gestoppt werden –, dennoch bleibt die Belastung im Alltag spürbar.
Verkehrschaos und Schienenersatzverkehr
Die spürbarste Einschränkung für den Alltag betrifft die Mobilität. Seit dem Start der Hauptarbeiten ist die S80-Verbindung zwischen Wien Hütteldorf und Wien Meidling komplett unterbrochen. Bis mindestens Ende 2027 müssen Fahrgäste auf einen eingerichteten Schienenersatzverkehr ausweichen. Die Busse bedienen die Strecke zwar im dichten Takt, benötigen im städtischen Berufsverkehr jedoch deutlich länger als die Schiene.

Auch Autofahrer müssen sich auf Sperren von Eisenbahnkreuzungen, lokale Umleitungen und verändertes Verkehrsaufkommen in den umliegenden Wohnstraßen einstellen.
Stimmen aus Hietzing zum Start
Bezirksvorsteherin Johanna Zinkl

„Als Bezirksvorsteherin ist es meine Pflicht, die Interessen der Hietzingerinnen und Hietzinger zu vertreten und die Einhaltung der Auflagen zum Schutz der Anrainerinnen und Anrainer und der Umwelt einzufordern. Dort, wo es Belastungen gibt, müssen Lösungen gefunden werden. Hier sehe ich die ÖBB ganz klar in der Pflicht, das Urteil des BVwG einzuhalten!“, so Zinkl.
Ebenso wichtig ist laut Bezirksvorsteherin Zinkl die laufende Kontrolle der Bauauflagen, um den Schutz der Wohnbevölkerung und der Umwelt lückenlos zu gewährleisten. Ein leistungsfähiger öffentlicher Verkehr in Form des geplanten 15-Minuten-Takts würde eine deutliche Verbesserung für die Bürgerinnen und Bürger bringen. „Ich appelliere daher an alle Beteiligten, diesen nicht unnötig zu verzögern und ehestmöglich umzusetzen“, so Zinkl abschließend.
Marcel Höckner Bezirksvorsteherin Stellvertreter (SPÖ)

“Der Baustart auf der Verbindungsbahn ist ein entscheidender Moment für die zukünftige Mobilität in Hietzing und im Westen Wiens. Mit dem geplanten 15-Minuten-Takt wird das öffentliche Verkehrsangebot deutlich verbessert und eine attraktive Alternative zum Individualverkehr geschaffen. Die neuen Stationen bringen zusätzliche Umsteigeknoten und verkürzen durch bessere Verbindungen die täglichen Wege vieler Bewohnerinnen und Bewohner.”, so Höckner.
Der Bezirksvize sieht die Bezirkspolitik weiterhin gefordert: “Bei einem Projekt dieser Größe braucht es umfassende Informationen für die Bevölkerung durch die ÖBB sowie einen regelmäßigen Informationsaustausch mit der Bezirkspolitik. Hier ist auch die ÖVP Hietzing gefordert, die Arbeitsgruppen schnellstens wieder zu starten. Es ist notwendig, eine inhaltliche Diskussion über die Gestaltung der Stationen und Plätze sowie über die Nutzung der Flächen unter der zukünftigen Hochtrasse zu führen. Auch das ÖBB-Angebot der „Klima-Bäume“ muss genutzt werden, da es wichtig ist, möglichst viele Bäume in Hietzing im öffentlichen Raum zu pflanzen. Die kommenden Haltestellen bieten auch die Chance, neue Geschäfte und eine bessere Nahversorgung in den Grätzln zu etablieren. Dadurch kann die Attraktivität der Umgebung dauerhaft gesteigert werden.”
Gerhard Schmid, Dritter Landtagspräsident und Vorsitzender SPÖ Hietzing

„Ein Jahrhundertprojekt für Hietzing, für das wir fast 20 Jahre intensiv und leidenschaftlich gekämpft haben! Es ist eine Zukunftsinvestition in den öffentlichen Verkehr: Zwei neue Haltestellen – de facto drei, weil Speising etwas verlegt wird –, ein 15-Minuten-Takt, die Anbindung an alle U-Bahn-Linien und in wenigen Minuten in der Stadtmitte. Dazu kommt die Aufhebung aller Eisenbahnkreuzungen, das heißt mehr Durchlässigkeit und VOR ALLEM mehr Sicherheit! Auch die ökologische Nachhaltigkeit überzeugt: Rund 38.000 Tonnen CO2 werden jährlich eingespart und 20.000 Menschen werden das Angebot täglich annehmen. Das ist ein Meilenstein des Klimaschutzes in Wien. Über 500 Millionen Euro für den Wirtschaftsstandort Wien untermauern die Sinnhaftigkeit dieses Jahrhundertprojektes.”
Schmid nützt die Gelegenheit auch um sich zu bedanken: “Mein Dank gilt der ÖBB und der Stadtplanung. Das ist kein Thema für politisches Kleingeld! Daher habe ich mich aus dem politischen Hickhack immer herausgehalten, auch im Wissen, dass es viele – auch innerhalb der ÖVP und FPÖ – gibt, die das immer positiv beurteilt und die Realisierung, zum Beispiel im Nationalrat, ermöglicht haben. Ihnen gilt über alle Parteigrenzen hinweg mein besonderer Dank. Dank an die Bundesminister Faymann und Bures für die Initiative, Dank an Stadträtin Ulli Sima und Dank an Stadtrat Peter Hanke, der sich schon in seiner früheren Funktion besonders engagiert hat. Ganz besonderer Dank gilt Mag. Franz Hammerschmid von der ÖBB-Infra, der schon als Eisenbahnreferent der Minister Faymann und Bures Pionierarbeit geleistet hat und bis zuletzt ein Kämpfer für die Sache ist!“
Alexandra Steiner, Klubobfrau Grüne Hietzing

“Mit dem heutigen Spatenstich beginnen die Arbeiten an dem in Hietzing wohl meistdiskutierten Projekt der letzten Jahrzehnte. Jetzt gilt es, die Einhaltung der Auflagen des UVP-Verfahrens, die dank der Bürgerinitiativen erreicht wurden, genau zu beobachten, damit dieses grundsätzlich gute Projekt der öffentlichen Mobilität unseren Bezirk auch tatsächlich voranbringt.”
Johannes Bachleitner und Katharina Kainz, NEOS Hietzing

„Wir begrüßen den Baustart. Die Modernisierung der Verbindungsbahn ist ein bedeutendes Infrastrukturprojekt und ein wichtiger Beitrag zur Attraktivierung des öffentlichen Verkehrs, das wir von Beginn an konstruktiv und gewissenhaft verfolgt haben. Diese Arbeit werden wir auch fortsetzen, denn der Baustart ist kein Schlusspunkt, sondern der Beginn eines für den Bezirk wichtigen Projekts”, erklärt Johannes Bachleitner, Bezirksrat und Mobilitätssprecher der Hietzinger NEOS.”
Katharina Kainz ergänzt: „Seit 2020 haben wir zahlreiche Anträge und Anfragen zur Verbindungsbahn eingebracht. Diese Rolle als kritischer, konstruktiver Begleiter werden wir fortsetzen, damit die gerichtlich vorgeschriebenen Auflagen tatsächlich eingehalten werden.”

