Wer heute an das Wien der Jahrhundertwende denkt, hat meist die prunkvolle Ringstraße, imperiale Palais und die Kaffeehauskultur vor Augen. Doch die rasant wachsende kaiserliche Reichshauptstadt hatte eine tiefdunkle Kehrseite. Durch die massive Zuwanderung von Arbeiterinnen und Arbeitern – den sogenannten „Ziegelbehm“ aus Böhmen und Mähren – explodierte die Einwohnerzahl um 1900 auf über zwei Millionen. Die Folge war eine katastrophale Wohnungsnot, die am Rande der Stadt zur Entstehung veritabler Elendsviertel und Slums führte.
Zwei Gebiete brannten sich dabei besonders tief in das historische Gedächtnis der Stadt ein: das „Kreta-Viertel“ in Favoriten und das sogenannte „Negerdörfl“ in Ottakring.
1. Das Kreta-Viertel in Favoriten: Das härteste Pflaster der Stadt
Zeitliche Einordnung & Entstehung: Das Kreta-Viertel im 10. Wiener Gemeindebezirk entstand im späten 19. Jahrhundert (ab ca. 1870) rund um die Quellenstraße und die jenseits der Ostbahn liegenden Fabriken. Seinen Namen verdankt das Viertel dem zeitgleichen kretischen Aufstand gegen das Osmanische Reich – die Wiener sahen in den unruhigen, von Armut und sozialem Konflikt geprägten Straßenzügen Parallelen zu den kriegerischen Zuständen im Mittelmeer.
Die historischen Zustände: Die Lebensbedingungen waren brutal. Es handelte sich um ein klassisches Arbeiter- und Fabriksviertel mit extrem hoher Dichte. Die Menschen lebten in sogenannten „Zinskasernen“ – oft zu zehnt oder zu zwölft in einer einzigen Zimmer-Küche-Wohnung ohne fließendes Wasser oder eigene Toilette (Stichwort: Gangküchen und Bassena). Um die horrenden Mieten zu finanzieren, wurden Betten tagsüber an „Bettgeher“ vermietet, die schliefen, während die Fabrikarbeiter in der Tagschicht schufteten. Kriminalität, Tuberkulose (damals als „Wiener Krankheit“ bekannt) und Alkoholismus waren allgegenwärtig.
2. Das „Negerdörfl“ in Ottakring: Eine Barackenstadt aus Lehm
Zeitliche Einordnung & Entstehung: Zeitlich etwas später, vor allem in den wirtschaftlich verheerenden Jahren nach dem Ersten Weltkrieg und während der Weltwirtschaftskrise der 1920er- und 1930er-Jahre, erreichte das Elend eine neue Stufe. Am westlichen Rand von Ottakring (16. Bezirk), nahe dem Wilhelminenberg, entstand eine wilde Barackensiedlung, die im Wiener Volksmund rassistisch und abwertend als „Negerdörfl“ bezeichnet wurde. Der Name bezog sich im damaligen kolonialen Sprachgebrauch auf die vermeintlich „primitive“ Bauweise der Behausungen. Andere Quellen sprechen davon, dass “neger” so viel wie “bankrott” bedeutet, daher der “Spitzname”.
Die historischen Zustände: Im Gegensatz zu den gemauerten Mietskasernen Favoritens handelte es sich hier um eine echte Slum-Siedlung aus selbstgezimmerten Holzbaracken, Erdhütten und Lehmbauten. Arbeitslose, Ausgesteuerte, Obdachlose und kinderreiche Familien flüchteten hierher, weil sie die Mieten in der Stadt nicht mehr bezahlen konnten. Es gab keine Kanalisation, keinen Strom und keinen Schutz vor dem eisigen Wiener Winter. Das Viertel galt der bürgerlichen Presse der Zwischenkriegszeit als rechtsfreier Raum und sozialer Schandfleck.
Die Wende: Das „Rote Wien“ und die Assanierung
Die systematische Auflösung dieser Elendsviertel begann in der Zwischenkriegszeit durch das sozialpolitische Wohnbauprogramm des „Roten Wiens“ (1919–1934). Die Stadtverwaltung erkannte, dass Krankheiten und soziale Krisen nur durch menschenwürdigen Wohnraum bekämpft werden konnten.
- In Ottakring wurde das „Negerdörfl“ sukzessive geräumt und geschleift. An seiner Stelle und in unmittelbarer Nähe entstanden moderne, von Licht und Luft durchflutete Gemeindebauten mit eigenen Toiletten und Fließwasser – wie etwa der nahegelegene Sandleitenhof.
- In Favoriten dauerte der Strukturwandel länger. Das Kreta-Viertel blieb bis weit nach dem Zweiten Weltkrieg ein sozialer Brennpunkt. Erst durch die gezielte städtische „Assanierung“ (Sanierung und Modernisierung der Bausubstanz) ab den 1970er- und 1980er-Jahren verschwanden die berüchtigten Bassena-Wohnungen.
Die heutige Situation
Heute ist von den historischen Slums im Stadtbild nichts mehr zu sehen. Das Kreta-Viertel in Favoriten hat sich im 21. Jahrhundert zu einem lebendigen, multikulturellen Grätzl entwickelt. Durch die Nähe zum neuen Hauptbahnhof und großflächige Revitalisierungen im Rahmen von EU-geförderten Stadterneuerungsprojekten ist die einstige „Kreta“ heute ein aufstrebendes Wohngebiet, in dem alte Backsteinbauten der Gründerzeit neben moderner Infrastruktur stehen.
Das ehemalige „Negerdörfl“ in Ottakring ist heute eine grüne, äußerst begehrte Wohngegend am Fuße des Wilhelminenbergs. Wo einst verzweifelte Familien in Erdhütten hausten, prägen heute Kleingartensiedlungen, Genossenschaftswohnungen und Einfamilienhäuser das Bild. Wien hat seine historischen Slums durch Jahrzehnte konsequenten sozialen Wohnbaus erfolgreich überwunden und gilt auch deshalb heute weltweit als Vorbild für geförderten Wohnraum.
Quellen & historische Belege:
- Wien Geschichte Wiki (Stadt Wien): Umfassende Dokumentation zur Geschichte des Kreta-Viertels und den sozialen Bedingungen der „Ziegelbehm“.
- Das Rote Wien (Weblexikon der Wiener Sozialdemokratie): Historische Daten und Fotografien zur Elendsdokumentation und der Auflösung des Negerdörfls in Ottakring sowie zur Wiener Assanierungspolitik.
- Österreichische Nationalbibliothek (ANNO – Historische Zeitungen): Zeitgenössische Berichte aus den 1920er- und 1930er-Jahren über die Lebensumstände in den Wiener Barackensiedlungen.

