Dieter Chmelar über: „Die „Wein-Königin“ der Windsor-Genossenschaft“

Dujmic, schedl

Es gibt weltweit Abermillionen von Adels­experten. Die meisten haben eine Meinung, manche sogar eine Ahnung, die wenigsten eine Vorstellung. Was sie alle verbindet, ist: Sie sind keine Chronisten, sondern „Anachronisten“, also wie die Objekte ihrer ­Begierde, die Royals, aus der Zeit gefallen. Ich weiß, es klingt respektlos, aber: Blaublütig ist für mich auch jemand, der Krampfadern hat. Als gelernter Demokrat halte ich die Erhöhung und Ver­ehrung von Menschen allein durch Geburt für ein unerträgliches Modell. Eine ablehnende Grundhaltung übrigens, die sich auch auf Geld-, Industrie- und Polit-Adel erstreckt. Es hieß einmal, dass es während unserer Generation (60 plus) nur noch fünf Könige geben würde: den Herz-König, den Karo-König, den Pik-König, den Kreuz-König und den englischen König. Kleinlaut erkenne ich an, dass Queen Elizabeth II. seit 2. Juni 1953 eisern durchhält, mithin vier Jahre länger thront, als ich Wiener Gemeindebaukind noch nicht einmal auf einem Topferl saß. Das verlangt mir größten Respekt vor ihrer außergewöhnlichen Lebensleistung ab. Ich bewundere sie fast so wie meine Mutter, meine Schwiegermutter, meine Oma und etliche Tanten, die über Jahrzehnte, ohne je zu jammern, schufteten. All diese ­Heldinnen des Alltags füllen ­freilich keine bunten Blätter, geschweige denn Geschichtsbücher. Sie sind erhobenen, aber ungekrönten Hauptes meine Königinnen der Herzen.

BLAUBLUTAUFFRISCHUNG
Die verbliebenen Monarchien sind unverändert das Existenzminimum einer globalen Medien- und einer nationalen Fremdenverkehrsindustrie. Was die öffentliche Wahrnehmung betrifft, hat sich der Wind allerdings längst nicht nur frisurzerzausend oder rocksaumaufwirbelnd, sondern auch seelenverletzend gedreht. Hart, aber herzlos wird die Hocharistokratie durch jenen Kakao gezogen, von dem sich unzählige Druckerzeugnisse genüsslich ernähren. Europaweit wurden regierende Häuser mehr oder minder freiwillig zu reagierenden Häusern. In einem Gedanken: Seit „die da oben“ nach unten heiraten, ­sichern sie ihren Fortbestand. Schweden, Dänemark, Niederlande, Spanien und Großbritannien blühen durch bürger­liche Blaublutauffrischung beinahe auf. Aber es gibt, wie es scheint, noch immer guss­eisern geschmiedete Grenzen.

DAS MODERNE MÄRCHEN
Das Interview, das Harry und Meghan der Talk-Queen Oprah Winfrey gewährten, hat viele Menschen innerlich zutiefst aufgewühlt. Die ausgebildete Schauspielerin wurde des ruchlosen Rollenspiels verdächtigt. Nun, wie Marie von Ebner-Eschenbach schon vor mehr als 100 Jahren erhob: „Ein Urteil lässt sich widerlegen, ein Vorurteil niemals.“ Im Netz wurde Spott gesponnen, ihre Tränen als Show denunziert. Man „glaubt“ der abtrünnigen „Wein-Königin der Windsor-Genossenschaft“ nicht, dass sie royalem Rassismus ausgeliefert und bis hin zu Suizidgedanken verzweifelt war. Ich wiederum „glaube“, dass, frei nach Johann Peter Hebel (1760–1826), „nichts so weh tut wie die Wahrheit“. Und eine mögliche Wahrheit ist so erfrischend wie schwer verdaulich: „Eine geschiedene dunkelhäutige Fernsehheldin in ihren späten 30ern rettet einen drei Jahre jüngeren Prinzen aus einem finsteren Gefängnis.