Dietmar Chmelar: Goldesel im Kanzleramt: vom Jetset zum Chat-Gfrett

Ach, wie gern hätte ich diesmal über die Fußball-EM geschrieben! Eigens dafür hatte ich meine liebsten Zitate der Helden in kurzen Hosen und mit langen Sätzen hervorgekramt. Etwa, harmlos: „Beide Mannschaften haben sich lange Zeit die Waagschale gegeben“ (Marc Janko). Oder, in memoriam Edi Finger jun.: „Die Mol­dawier sind auch nicht das Grüne vom Ei“, und schließlich, der Klassiker von Rapid-Legende Christian ­Keglevits: „Wenn das Experiment in die Hosen geht, muss es der ­Trainer auslöffeln.“

Aber, aus aktuellem Anlass: Stoffwechsel statt Leiberltausch. Was den elektronischen Geräten hochgestellter und hochgespülter heimischer Lenker und Denker noch nach Jahren ermittlungstechnisch zu entwinden war, ist kein Bemmerl und schon gar keine ornithologische Flatulenz („Lercherlschas“ auf Wienerisch). Die Kurz-Karriere des gewinnenden Schmid(s) seines eigenen Glücks ließe sich unter dem Titel „Vom Jetset zum ­Chat-Gfrett“ subsumieren.

Dazu drei Aphorismen im Range erschöpfender Psychogramme: „Die Gesellschaft neigt dazu, die Stumpfen zu ihren Spitzen zu machen“ (Werner Schneyder), „Bei den meisten Erfolgsmenschen ist der Erfolg größer als der Mensch“ (Daphne du Maurier) und
nicht zuletzt „Beim Denken ans ­Vermögen leidet oft das Denkvermögen“ (Karl Farkas).

Der „Gödscheißer“

Die sichergestellte Kurznachricht von Schmid an Blümel aus den Kampftagen um die Kanzler­schaft lautet: „Kurz kann jetzt Geld scheißen.“ Das muss man aus journalis­tischer Sorgfalt ausschreiben – da darf man sich nicht mit drei g’schamigen Punkterln ansch…, da helfen keine pikierten Synonyme wie „defäkieren“ – nein: Da ist die Kacke am Dampfen.

Samy Molcho, dieser Tage 85 geworden, sagte mir einmal: „Manche Politiker sind wie ­Tauben. Wenn sie unten sind, fressen sie dir aus der Hand, wenn sie oben sind, scheißen sie dir auf den Schädel.“ Tröstlich ­erscheint da der bejahrte „Spitzbuben“-Witz von der Kreuzung von Tauben mit Papa­geien. Was das bringen soll? Sie scheißen dir immer noch auf den Schädel, aber sie kommen danach herunter und entschuldigen sich. Nun: „Glück besteht aus einem hübschen Bankkonto, einer guten Köchin und einer tadellosen Verdauung“, wie dem Aufklärer Jean-Jacques Rousseau schon vor fast 300 Jahren einfiel. Das sei jedem Menschen ­vergönnt, ohne Ansehen der Person. Sogar Personen ohne Ansehen.

Das, wie ich meine, Positivste an dem herablassenden Satz des „MMM“ (Millionen-Möglichmachers) von türkisen Gnaden ist die Auferstehung, ja sogar der soziale, marktwirtschaftlich fundierte Aufstieg der märchenhaften Wendung „Geldscheißer“. Das geht auf die Sagensammlung der Gebrüder Grimm zurück, wo ein Goldesel auf ein bestimmtes „Kotwort“ hin „vorn und hinten Dukaten“ ­herausklimpern ließ. Bis heute haben die stinkreichen Mäch­tigen das Gold und ihre pöbelhaften Untertanen sind die Esel. Den Normalsterblichen bleibt nur der alte Stoßseufzer angesichts unerschwinglicher Sehnsüchte: „I hob jo kan Göd­scheißer im Kölla!“

Man rette sich in die Poesie, wie besch… die Lage auch scheint! Heinz Marecek, ein großer Freund und Förderer des Schüttelreims, schenkte mir jüngst ein ganz besonderes Exemplar, indem er im ersten Satz sogar Konfuzius bemühte: „Wer reisen will, braucht Schuhe / wer scheißen will, braucht Ruhe“.

Lesen Sie im nächsten Heft: Peter Rapps „Wiener Geschichte(n)“