Wer heute in die Bim steigt, tut das auf eine ganz andere Art als die Wiener des 19. Jahrhunderts. Damals klapperten Pferdehufe über das Kopfsteinpflaster und ein Stellwagen brachte die Menschen verlässlich an ihr Ziel. Nun kehrt dieses historische Verkehrsmittel – sorgfältig restauriert und mit vielen Geschichten im Gepäck – zurück ins öffentliche Rampenlicht. Die Remise in der Erdbergstraße erweitert ihre Sammlung um ein Exponat, das den Ursprung der modernen Mobilität Wiens sichtbar macht.
Als der städtische Linienverkehr laufen lernte
Der Stellwagen gilt als das erste richtige öffentliche Verkehrsmittel in Wien. Während Fiaker und Lohnkutschen für die breite Bevölkerung unerschwinglicher Luxus waren, boten die streng regulierten Stellwägen ein verlässliches Verkehrssystem für alle. Von Beginn an gab es fixe Routen, festgelegte Preise und einen klaren Fahrplan. Schon im 19. Jahrhundert verbanden die von richtiger Pferdestärke angetriebenen Wägen das Zentrum mit ländlichen Vororten wie Hietzing, Gersthof oder Meidling sowie mit den großen Bahnhöfen.
Ein Blick auf den historischen Betrieb zeigt, wie fortschrittlich dieses Mobilitätskonzept bereits war. Abfahrten gab es im Viertelstundentakt, Zwischenstopps nach Bedarf. Die Sommerwägen hatten offene Seiten, im Winter war der Boden mit Stroh bedeckt. Damals war Linksverkehr üblich, der den Ausstieg auf der linken Straßenseite notwendig machte. Rund 800 solcher Wägen waren Ende des 18. Jahrhunderts auf über 100 Linien unterwegs, bis der Erste Weltkrieg und der Mangel an Pferdefutter dem Betrieb 1917 beendeten.
Vom Gartenhäuschen zu historischem Glanz
Das nun ausgestellte Exemplar ist eine echte Rarität und zählt zu den letzten bekannten Stellwägen in Österreich. Gebaut wurde er um 1890, vermutlich von der k. u. k. Hof-Wagenfabrik J. Rohrbacher, die damals nahezu eine Monopolstellung im Wagenbau innehatte. Jahrzehnte später tauchte er in einem Hietzinger Straßenbahner-Garten auf, wo er als Gartenlaube ein zweites Leben führte.
In einem aufwendigen Restaurierungsprozess wurde der Wagen bis ins Detail in seinen Originalzustand zurückversetzt. Heute präsentiert er sich wieder mit zehn Sitzplätzen im Innenraum, zwei weiteren neben dem Kutscher sowie einem getrennten Raucher- und Nichtraucherbereich. Damit wird ein authentisches Stück Verkehrsgeschichte für Besucher in der Landstraßer Remise erneut erlebbar.
wienerlinien.at/verkehrsmuseum-remise