Gerald Bischof: „Liesing war immer sehr dynamisch“

(C) Katharina Schiffl: Gerald Bischof im Gespräch mit WIENER-BEZIRKSBLATT-Redakteur Ernst Berger.
(C) Katharina Schiffl: Gerald Bischof im Gespräch mit WIENER-BEZIRKSBLATT-Redakteur Ernst Berger.

Der 23. Bezirk wächst. Immer mehr Menschen zieht es nach Liesing. Das stellt den Bezirk vor Herausforderungen, die es für die Zukunft jetzt zu meistern gilt. Das WIENER BEZIRKSBLATT bat Bezirksvorsteher Gerald Bischof zum Gespräch.

WIENER BEZIRKSBLATT: Herr Bischof, seit exakt 10 Jahren sind Sie Bezirksvorsteher des 23. Bezirks. Sind Sie auch ein gestandener Liesinger?

Gerald Bischof: Fast. Ich bin zwar in Meidling aufgewachsen, aber genau an der Bezirksgrenze zu Liesing. Ich hatte immer viele Freunde im 23. Bezirk, habe meine Jugend hier verbracht und meine erste eigene Wohnung war auch in Liesing. Man kann also sagen, ich bin ein sehr zeitig Zugereister.

Wie hat sich Liesing seither verändert?

Der 23. Bezirk war immer ein sehr dynamischer Bezirk. Neben wunderbaren Plätzen zum Wohnen gab es hier auch immer eine sehr rege Wirtschaftslandschaft. So haben wir heute rund 6.000 Betriebe, die rund 60.000 Menschen einen Arbeitsplatz bieten. Natürlich gab es in Teilen des Bezirks einen Strukturwandel.

Inwiefern?

In Atzgersdorf zum Beispiel gab es noch vor wenigen Jahren viele produzierende Unternehmen, wie Unilever, eine Lackfabrik und sogar Schwerindustrie, die sich aber aus den unterschiedlichsten Gründen aus der Gegend zurückgezogen haben und ihre Produktionsstätten verlagert haben. Die Folge war ungenutztes Industriebrachland, sogenannte „Brownfields“. Diese boten den Platz, um neuen Wohnraum samt der dazugehörenden Infrastruktur zu entwickeln, was in den letzten Jahren geschehen ist und immer noch geschieht – mit einem zusätzlichen Vorteil, der für viele überraschend sein dürfte.

Der da wäre?

Die einstigen Industrieareale waren mit Fabrikshallen, Rangierflächen oder Parkplätzen nahezu gänzlich versiegelt. Mit dem jetzigen Wohnbau werden die Gebäude zwar höher, aber der Versiegelungsgrad sinkt. Das ist nicht für jeden auf den ersten Blick ersichtlich, aber ich sage immer: Keine Sorge vor dem Wohnbau – dadurch gibt es in unserem Bezirk nicht mehr Beton.

Dennoch macht diese Entwicklung manch alteingesessenen Liesingern Sorgen?

(C) Schiffl: Gerald Bischof hat immer ein offenes Ohr für die Anliegen der Liesinger.

Natürlich schauen die Menschen, die schon länger hier leben, ganz genau darauf, was in ihrer Nachbarschaft passiert. Dass man dabei nachdenklich wird, wenn man auf die Baustellen schaut, ist nachvollziehbar. Man muss aber dazusagen, dass der Bauboom der letzten Jahre bereits deutlich abflacht. Man darf aber nicht vergessen, dass dieser auch Vorteile mit sich brachte.

Dank der vielen Menschen, die in unseren Bezirk ziehen, konnten wir den neuen Stadtpark in Atzgersdorf realisieren und wir werden in absehbarer Zeit ein Hallenbad bekommen. Dazu kommen neue Apotheken undNahversorger – das alles wäre nicht passiert, wenn unsere Einwohnerzahl beim Stand der 70er und 80er Jahre stagniert wäre. Kurz gesagt: Von den neuen Liesingern profitieren auch die Alteingesessenen.

Gibt es eigentlich den typischen Liesinger?

Der typische Liesinger ist ein typischer Wiener. Überwiegend nett und freundlich. Was es bei uns aber gibt, ist die Lokalbezogenheit. Aufgrund – so meine Vermutung – der großen Ausdehnung des 23. Bezirks verorten sich viele Liesinger gerne in ihren Bezirksteilen und bezeichnen sich als Atzgersdorfer, Inzersdorfer oder – wir sind aus Mauer. Das unterscheidet uns vielleicht ein wenig von den anderen Wiener Bezirken.

Vor allem junge Familien zieht es in den 23. Bezirk. Wie sieht es mit Kindergärten und Schulen aus?

(C) BV 23: Für die jüngsten Liesinger wird im 23. Bezirk viel unternommen.

Bei den Kindergärten sind wir „state of the art“. Es gibt keine größere Wohnhausanlage, wo nicht automatisch ein Kindergarten mitgebaut wird. Bei den städtischen Schulen sind wir auch perfekt unterwegs, wie mit dem neuen, großen Campus in Atzgersdorf, der kürzlich eröffnet wurde. Allein im Bereich der Bundesschulplätze gibt es noch Optimierungsbedarf – aber dabei ist der Bund gefordert.

Welche Projekte liegen Ihnen am Herzen?

Ganz besonders freue ich mich über die Renaturierung des Liesingbachs. Damit wird das Wasser für die Menschen wieder erlebbar, der Lebensraum für Fauna und Flora wird ökologischer und gleichzeitig wird auch der Hochwasserschutz verbessert. Dieses Projekt wird uns bis zur Vollendung noch die nächsten fünf Jahre begleiten, aber dann verfügen wir über ein großartiges Natur- und Naherholungsgebiet. Das nächste Zukunftsprojekt ist der viergleisige Ausbau der Südbahn von Meidling nach Liesing und in Folge nach Mödling. Mit dem Endausbau bekommen wir nicht nur eine neue Station im Stadtentwicklungsgebiet Atzgersdorf, sondern auch die S-Bahn im U-Bahn-Takt.

10 Jahre im Amt – wo sehen Sie Ihre Erfolge?

(C) Schiffl: Die Renaturierung des Liesingbachs ist sein Herzensprojekt.

Das müssen andere beurteilen. Persönlich freut es mich, dass wir im Bezirk ein sehr gutes Miteinander haben. So unterstütze ich auch gerne das rege Vereinsleben. Sicherlich auch ein Zeichen dafür, dass sich Liesing zu einem großen Teil seinen ursprünglichen dörflichen Charakter bewahrt hat.

Haben Sie einen Lieblingsplatz im Bezirk?

Da gibt es viele, aber wenn ich einen erwähnen soll, ist das der Maurer Berg rund um den Pappelteich. Hier ist es einfach wunderschön. Natur pur. Alle, die zum ersten Mal hierherkommen, sind nur verblüfft, dass man sich eigentlich noch in der Stadt, im 23. Bezirk befindet. Aber diese Vielfalt zeichnet Liesing eben aus.

Das Interview führte Ernst Berger.