Den Auftakt macht Justin Pecks „Heatscape“ – ein Stück, das sofort ins Auge springt. Verantwortlich dafür ist auch Street-Art-Star Shepard Fairey, dessen markantes Bühnenbild der Inszenierung eine fast greifbare Energie verleiht. Die Bühne wirkt wie ein lebendiges Graffiti – und die TänzerInnen sind mittendrin.
Peck verbindet neoklassische Präzision mit einer entspannten, fast lässigen Körpersprache. Zur Musik von Bohuslav Martinů entfaltet sich ein Spiel zwischen Nähe und Distanz, zwischen Spannung und Leichtigkeit. Besonders die Ensemble-Szenen überzeugen durch ihre Dynamik. Dennoch bleibt das Stück emotional etwas zurückhaltend – vieles wird angedeutet, aber nicht vollständig ausgeschöpft.
Anspruchsvoll und fordernd: Tanz als Denkarbeit
Einen starken Kontrast setzt „Yugen“ von Wayne McGregor. Inspiriert von einem schwer greifbaren Konzept der japanischen Ästhetik, wird hier Tanz zur intellektuellen Herausforderung. Die elf TänzerInnen bewegen sich wie ein einziger Organismus – mal fließend, mal fragmentiert.
Begleitet wird das Stück von den „Chichester Psalms“ von Leonard Bernstein, gesungen vom Schönberg-Chor und getragen vom Orchester der Wiener Staatsoper unter der Leitung von Gavin Sutherland. Besonders hervor sticht die klare Knabenstimme von Dominik Baumgartner aus der Opernschule.
Das reduzierte Bühnenbild von Edmund de Waal schafft Raum für Konzentration – jede Bewegung zählt. Doch „Yugen“ verlangt dem Publikum einiges ab: Die Spannung zwischen emotionaler Musik und distanzierter Choreografie ist intensiv und nicht immer leicht zugänglich. Gerade darin liegt aber seine Stärke.
Finale mit Sogwirkung
Mit „In the Upper Room“ erreicht der Abend schließlich seinen Höhepunkt. Twyla Tharps Klassiker, untermalt von der minimalistischen Musik von Philip Glass, entfaltet eine mitreißende Energie, die sofort überspringt.
Hier verschmelzen Spitzenschuhe und Sneaker, klassische Technik und athletische Bewegungen zu einer einzigartigen Sprache. Das Ensemble des Wiener Staatsballetts zeigt sich in Bestform – kraftvoll, präzise und mit spürbarer Spielfreude. Die Mischung aus Gruppenbildern und explosiven Soli sorgt für eine stetige Steigerung bis zum Finale.
Ein Abend voller Kontraste
„Visionary Dances“ ist kein einheitlicher Abend – und genau das macht seinen Reiz aus. Während Peck den Dialog mit der Popkultur sucht, McGregor intellektuelle Grenzen auslotet und Tharp auf pure Bewegungskraft setzt, entsteht ein spannungsreiches Gesamtbild.
Nicht jeder Teil überzeugt gleichermaßen, doch gemeinsam ergeben sie ein facettenreiches Panorama des modernen Balletts: urban, anspruchsvoll, körperlich intensiv – und vor allem lebendig.
Mehr Infos unter www.wienerstaatsoper.at.

©AshleyTaylor

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