Dienstagmorgen, während große Teile Wiens noch schlafen, warten vor der Lebensmittelausgabe der Volkshilfe bereits die ersten Menschen. Stunden bevor sich um 8 Uhr die Türen öffnen.
Sie kommen bei Regen, Kälte oder sommerlicher Hitze – weil sie darauf angewiesen sind, eines der Lebensmittelpakete zu bekommen, mit denen die Volkshilfe Wien jede Woche rund 250 Menschen versorgt.
Wenn das Geld fehlt
Tanja Wehsely ist seit 2019 Geschäftsführerin der Volkshilfe Wien und beschäftigt sich mit sozialer Gerechtigkeit, Armutsbekämpfung und den Folgen gesellschaftlicher Veränderungen. Wir haben mit ihr darüber gesprochen, wie sich die Lebensmittelausgabe über die Jahre entwickelt hat, wer heute Hilfe sucht, was ihre Mitarbeiter:innen vor Ort beobachten – und über eine Frage, die eigentlich weit über ein Lebensmittelpaket hinausgeht: Was müsste passieren, damit eine Stadt wie Wien solche Schlangen irgendwann nicht mehr braucht?
Wiener Bezirksblatt: Jeden Dienstag beginnt die Lebensmittelausgabe der Volkshilfe um 8 Uhr. Manche Menschen stehen allerdings bereits vor sechs Uhr morgens vor der Tür – bei Kälte, Regen oder Hitze. Was geht Ihnen durch den Kopf, wenn Sie diese Schlange sehen?
Tanja Wehsely: Ich sehe, dass unsere Arbeit wichtig ist. Wir helfen, wo Hilfe nötig ist und die Spenden kommen an. Wir haben ein Angebot geschaffen, das unmittelbar hilft. Ich bin stolz auf unsere ehrenamtlichen Mitarbeiter*innen, die das großartig organisieren. Natürlich ist mein Wunsch, dass diese Arbeit unnötig wird. Dass die Menschen genug zu essen haben ohne auf Lebensmittelpakete angewiesen zu sein.
Wiener Bezirksblatt: Seit wann gibt es diese regelmäßige Lebensmittelausgabe der Volkshilfe Wien eigentlich – und wie hat sie ursprünglich begonnen?
Tanja Wehsely: Die Lebensmittelausgabe der Volkshilfe Wien gibt es quasi seit es die Volkshilfe gibt. Es ist unser Zweck, Menschen mit dem auszuhelfen, was benötigt wird. Allerdings haben wir seit 2020 einen gestiegenen Bedarf ausgemacht und die Lebensmittelausgabe massiv hochgefahren. Seit Ende April findet die Ausgabe gebündelt in der Scheydgasse in Floridsdorf statt. Das ist logistisch einfacher und wir können so eine größere Nachfrage abdecken.
Wiener Bezirksblatt: Wenn Sie an die ersten Jahre zurückdenken und die Situation mit heute vergleichen: Was hat sich am stärksten verändert?
Tanja Wehsely: Begonnen hat das mit der COVID-Pandemie: Gestiegene Lebensmittelpreise und eine verschlechterte Arbeitsmarktsituation treffen zuerst die Menschen, die es ohnehin schon schwer haben. Das heißt, es sind mehr Menschen abhängig von diesen Lebensmittelspenden – die Situation hat sich bisher nicht entspannt.
Wiener Bezirksblatt: Gab es einen Zeitpunkt, an dem Sie gemerkt haben: Jetzt verändert sich etwas grundlegend, die Nachfrage wird deutlich größer?
Tanja Wehsely: Früher waren es rund 100 Menschen, die zu uns gekommen sind. Heute sind es rund 250 Menschen, die versorgt werden. Gleichzeitig gibt es Tage, an denen der Bedarf darüber hinausgeht. Es sind vor allem ältere und erkrankte Menschen und Menschen mit Betreuungspflichten. Auch ein wesentlicher Anteil aus Geflüchteten aus der Ukraine kommt seit dem Angriffskrieg zu uns, um Lebensmittel zu erhalten.
Wiener Bezirksblatt: Wie häufig müssen Sie Menschen wegschicken, obwohl offensichtlich Unterstützung notwendig wäre?
Tanja Wehsely: Zum Glück ist uns das nicht passiert. Unsere ehrenamtlichen Mitarbeiter*innen sind mit Herz bei der Sache und haben es immer noch geschafft, kurzfristig Pakete zusammenzustellen und die Menschen zu versorgen.
Wiener Bezirksblatt: Wenn Menschen um früh morgens kommen, obwohl die Ausgabe erst drei Stunden später beginnt, zeigt das auch eine enorme Sorge, nichts mehr zu bekommen. Wie erleben Ihre Mitarbeiter:innen diese Situation vor Ort?
Tanja Wehsely: Diese Menschen sind ohnehin in ihrem ganzen Alltag von Sorgen getrieben: Wie zahle ich die nächste Miete, kann ich mir den Strom, die Heizung noch leisten? Was esse ich heute? Wir wollen ihnen Sicherheit geben, aber dafür sind wir auf Spenden angewiesen. Die Mitarbeiter*innen erkennen die Notsituation der Menschen und möchten helfen, und sie helfen auch.
Wiener Bezirksblatt: Sehen Sie heute andere Altersgruppen, mehr Familien, mehr Pensionist:innen oder auch Menschen, die arbeiten und mit ihrem Einkommen trotzdem nicht mehr auskommen?
Tanja Wehsely: Ganz klar: Ja. Immer mehr Menschen reicht ihr Einkommen nicht mehr zum Auskommen. Erwerbstätige Personen mit geringem Einkommen, ebenso Pensionist*innen, aber auch vermehrt Alleinerzieherinnen kommen zu uns. Bedingt durch die Teuerung reicht ihnen ihr geringes Einkommen schlichtweg nicht mehr für das Notwendige aus.
„Immer mehr Menschen reicht ihr Einkommen
nicht mehr zum Auskommen.“-Tanja Wehsely
Wiener Bezirksblatt: Sie beschäftigen sich seit vielen Jahren intensiv mit Armutsbekämpfung. Ist Armut in Wien heute sichtbarer geworden – oder hat sie sich vielmehr weiter in Bevölkerungsschichten hineingeschoben, in denen sie lange kaum wahrgenommen wurde?
Tanja Wehsely: Ich denke, das Bewusstsein hat sich verändert. Die Menschen sehen genauer hin, wir sind als Gesellschaft empfindlicher auf dieses Thema geworden, auch, weil wir selbst die veränderten Rahmenbedingungen spüren. Aber oftmals ist Armut unsichtbar, Obdachlosigkeit ist für viele Menschen noch immer mit Scham behaftet, man sieht es Vielen nicht an, dass sie auf der Straße schlafen müssen. Besonders bei Frauen Wohnungslosigkeit oft „unsichtbar“: Sie geraten eher in prekäre Wohnverhältnisse, kommen bei Bekannten unter und begeben sich so in eine Abhängigkeit. Hier sind sie oft „unsichtbar“ für das System, weil sie ja defacto einen Ort zum Schlafen haben – auch, wenn die Umstände manchmal fragwürdig sind.
Wiener Bezirksblatt: Was befindet sich typischerweise in einem solchen Paket – und für welchen Zeitraum soll es einen Haushalt unterstützen?
Tanja Wehsely:Da geht es um Grundnahrungsmittel: Mehl, Reis, Nudeln, Öl, Konservendosen und wir erhalten von der Tafel Österreich auch Gemüse, das noch frisch, aber nicht mehr zum Verkauf geeignet ist. Das Paket reicht nicht aus, um Menschen über einen Monat zu ernähren, es ist eine Ergänzung. Der Warenwert liegt ungefähr bei 20 Euro.
„Unser höchstes Ziel ist es, dass wir keine Lebensmittelausgabe brauchen.“
– Tanja Wehsely
Wiener Bezirksblatt: Woher kommen die Lebensmittel, die Sie jeden Dienstag ausgeben?
Tanja Wehsely: Wir haben Supermärkte, mit denen wir zusammenarbeiten – und natürlich private Spender*innen. Ohne sie wäre es nicht möglich, wir könnten es alleine schlichtweg nicht stemmen. Daher vielen Dank an alle, die uns unterstützen – in welcher Form auch immer.
Wiener Bezirksblatt: Die Lebensmittelausgabe hilft unmittelbar. Gleichzeitig kann es nicht das gesellschaftliche Ziel sein, dass immer mehr Menschen morgens um fünf Uhr für Grundnahrungsmittel Schlange stehen müssen. Wie lösen Sie diesen Widerspruch zwischen notwendiger Akuthilfe und politischer Armutsbekämpfung? Was ist Ihr Ansatz?
Tanja Wehsely: Nein, das ist es nicht. Unser höchstes Ziel ist es, dass wir keine Lebensmittelausgabe brauchen. Wir wollen den Menschen die Möglichkeiten geben, die sie brauchen, um wieder selbstbestimmt ihr Leben bestreiten zu können. Da braucht es viele einzelne, Sozialmaßnahmen. Wien leistet hier vieles und ist auch international Vorreiter. Menschen brauchen Perspektive. Wir unterstützen sie auf einem Weg in eine selbstbestimme, unabhängige Zukunft. Bis wir das geschafft haben, helfen wir da, wo Hilfe nötig ist.
Text: Carla Hoffmann

