Der Toboggan, ein 100 Meter langer Rutsch in die Kindheit

©Andreas Hochgerner

Dieter Chmelar über … eine Jahrhundert-Lustbarkeit im Wiener Wurschtelprater – 2009 gerettet von einem genialen (farbenblinden!) Maler, dem der Schalk im Nacken und der Leibhaftige auf dem Dach sitzt.

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Es ist nie zu spät für eine glückliche Kindheit, sagte einmal ein weiser Mann – für ein paar Euro lässt sich der flugs flutschende Beweis dafür auf dem Toboggan führen. Der 25 Meter hohe und 107 Jahre alte Holzturm mit seiner gut 100 Meter langen Bahn – ursprünglich „Teufels Rutsch“ genannt – gehört zu den wunderbarsten Wahrzeichen des Wurschtelpraters, fraglos im ruhmreichen Rang des vergleichsweise gemächlich und beschaulich rundum ratternden Riesenrads.

Ohne Hand und Fuß
Was für eine Geschichte steckt hinter der Lustbarkeit, in einer radikal-radial-rabiaten Rotation einer eisfreien Bobbahn ähnelnden Rinne auf einem Jutesackerl talwärts zu sausen? Der große Geist, der dies ersann, war ein kleiner Mann, der dennoch weit über sich hinauswuchs. Sein Name: Nikolai Kobelkoff, das 14. Kind ­liebevoller Eltern aus dem russischen Uralgebirge. Er kam 1851 ohne Arme und Beine zur Welt. Doch er meisterte sein Schicksal und wurde dank Herz, Hirn und Hingabe sogar eine Weltberühmtheit als Schausteller seiner selbst. Man bestaunte den „Rumpfmenschen“, der ohne fremde Hilfe essen, trinken, ja sogar mit einem Gewehr zielgenau schießen und hochbegabt malen konnte, in Paris, London, New York und Wien. Kobelkoff wurde sehr ver­mögend und verliebte sich in Anna Wilfert, damals 18, ein bildschönes Mädchen aus der heute noch hoch­angesehenen Prater-Dynastie Schaaf. Sie heirateten und bekamen sechs gesunde Kinder. 1913 entstand nach ihren Plänen der erste „Toboggan“, ein indianisches Wort für einen kufen­losen Schlitten. Die Novität wurde zur gefeierten und lukrativen Attraktion, die eine Großfamilie über Jahrzehnte hin ernährte. Der Gründervater starb 1933 im 82. Lebensjahr. Im Zweiten Weltkrieg brannte der Turm ab, wurde danach aber wieder aufgebaut.
Untrennbar mit dem Toboggan verknüpft ist ein sich hartnäckig haltendes Schauermärchen – in den 1950ern soll eine Frau auf der rasenden Rutschfahrt von einem Schiefer aufgespießt worden und darob ums Leben gekommen sein. An der heute noch mit geheimnisvoller Gruselstimme verbreiteten Geschichte ist freilich nix dran. Ja, es gab einen Unfall, ja es gab eine Frau, ja es gab einen Schiefer, aber schon nach ­wenigen Stunden konnte das „gepfählte Todesopfer“ aus dem Spital in häusliche Pflege entlassen werden. Der heutige Betreiber, ein farbenblinder Maler mit tiefschwarzem Humor, teilt gern jedem ängstlich Fragenden („Is da scho wer g’sturbn?“) knochen­trocken mit: „Heit’ no net …“ Und, tröstlicher Nachsatz: „Wer aufg’spießt wird, kriegt sei’ Geld z’ruck.“

Turm von einem Retter
Der kauzige Künstler heißt Konkolits – aber die, die ihn mögen, sagen nur „Sammy“ zu ihm. Schon als kleiner G’stermel liebte er die Teufelsrutsche. Er hat, als er den im Jahr 2000 baupolizeilich stillgelegten Turm 2009 wieder eröffnete, einen Leibhaftigen als Wahrzeichen fürs Dach ­seines Führerhäuschens entworfen. Jüngst feierten dort Sport­unionpräsidentin Dagmar Schmidt, Sportprofessor Paul Haber mit Gattin Hanni und Ottakrings Bezirkschef Franz Prokop mit Ehefrau Zheng einen guten Rutsch mitten im Frühling. Da tauchte die Frage auf: „Wieso kostet eine Fahrt unter 1,70 Meter 2,50 Euro, darüber aber 3,50?“ Sammy, todernst: „Weil i genau 1,70 bin. Wer größer is, muss büßen.“