Dieter Chmelar über … den 70. Eurovision Song Contest, den Vorjahressieger „JJ“ nach Wien holte. Hymnen aus 33 Ländern werden von der Stadthalle durch weit mehr als die Stadt hallen: 170 Millionen lechzen via TV nach Liedern voll Lust, Leid & Leidenschaft.
Eindeutig zweideutig sind Schlagertexte schon seit bald 150 Jahren, als sie noch „Gassenhauer“ -hießen und man sie öffentlich nachsang oder wenigstens -nachpfiff, wenn die Obrigkeit wegen „unziem-licher Inhalte“ einschritt. In den wilden 1920ern machten mildere -Moralwächter aber schon gute MINNE zum bösen Spiel. Es erregte kaum noch jemanden, als etwa die Comedian Harmonists in „Veronika, der Lenz ist da“ die als „Vorspiel“ unmissverständlichen Zeilen intonierten: „Die ganze Welt ist verhext / Veronika, der Spargel wächst“. Sexuell konnotiert, also mit schlüpfrigem Doppelsinn aus-gestattet, waren zweifellos auch Ohrwürmer wie „Was machst du mit dem Knie, lieber Hans, beim Tanz“ oder der sexy Sixties-Song „Great Balls of Fire“, wie Jerry Lee Lewis vor Begierde balzte, und nicht zuletzt die Rolling-Stones-Klage über ihre Orgasmus-Probleme zu blutjungen Brunftzeiten: „I Can’t Get No Satisfaction“.
Auch der Song Contest kreist im Grunde fast nur um drei zwischenmenschliche Befindlichkeiten: vernarrt sein, verschlungen sein, verlassen sein. Das Wort „Liebe“ in allen Sprachen fand sich beim Kampf der vagen Gesänge 2025 in Basel 224-mal in den 31 Beiträgen der Teilnehmer. Längst nicht mehr nur im herkömmlich hetero-sexuellen Kontext. Der ESC ist ja seit Jahrzehnten ein fulmi-nantes Festival der Lebensfreude und Toleranz. Man adelte es gar als „Gay -Olympics“.
Pascal, der Pionier
Homosexualität offen zu zeigen, war lange Zeit auch in Künstlerkreisen verpönt und galt als Karriere-Killer. 1961 gewann der Franzose Jean-Claude Pascal, damals 24, den Song Contest für Luxemburg. In „Nous les Amoureux“ beschrieb er die Belastungen einer Beziehung, die durch die Mehrheit der Menschen abgelehnt wird. Die Botschaft „Gott hat uns das Recht gegeben, ich werde dich lieben können, ohne dass die Stadt -darüber tuschelt“ entschlüsselte der Sänger, Schauspieler, Designer und Autor erst im Alter: Das Lied, so Pascal, der heute als -Pionier gilt, handelte von seiner heimlichen Liaison mit dem verheirateten Filmstar Jean Chevrier.
LGBTQ+-Teilnehmer gewannen den Song Contest mittlerweile zwölfmal, die jüngsten sechs Siege davon gab es in den letzten acht Wettbewerben. Herausragend: Neben der israelischen Transfrau Dana Inter-national (Sieg mit 28 in Bir-ming-ham, Song „Diva“) auch Österreichs Conchita Wurst, die 2014 mit 25 in Kopenhagen -triumphierte („Rise Like a Phoenix“), und der 24-jährige Vorjahressieger in Basel, „JJ“ Johannes Pietsch („Wasted Love“), oder der Schweizer Nemo, der 2024 mit 24 in Malmö Platz 1 eroberte („The Code“).
Diesmal will „Cosmó“ (der Burgenländer Benjamin Gedeon, 19) mit „Tanzschein“ die Rollenbilder von Mann und Frau hinterfragen. Er besingt darin eine Disco mit EAV-artigen Reimen zum Balzverhalten in der Tier-Oase, wie er die lustgeladene -Location bezeichnet: „Und der Löwe versucht’s bei einer Gazelle / Der Hunger macht ihn böse und er rückt ihr auf die Pelle.“ Möge die Übung gelingen!
France Gall, das Opfer
Beim bunten Blättern im historischen Archiv des Events stoßen wir auch auf unfreiwillig besungene sexuelle Anspielungen. Vor 60 Jahren trat die Französin France Gall, gerade mal 17, mit dem Chanson „Poupée de cire, poupée de son“ („Wachspuppe, Kleiepuppe“) in Neapel für Luxemburg an und gewann. Die zierliche, zauberhafte Naive war für das Schmachten eines Backfischs nach „jungen Männern in der Hitze“ vom -ungenierten Genie Serge Gainsbourg glatt reingelegt worden. Als man ihr später den (Doppel-)Sinn der Texte erklärte, waren die Lieder längst Hits. Gallbitter lehnte sie es zeitlebens ab, „diese Dumm- und Gemeinheiten“ jemals wieder zu singen. Die Causa wurde nicht appetitlicher, als Gainsbourg, der provokante Schöpfer von „Je t’aime“, das hohe Lied auf den Oralsex mit -tiefer Stimme und deutlichen Schluckgeräuschen noch einmal auf den Markt warf. France Gall bleibt ein mahnendes Beispiel für die Gefahren der Branche: Man kann mit brennender Leidenschaft gnadenlos verheizt werden.


