Das „Schlaraffenland“ ist ein jahrhundertealter Menschheitstraum, von mittelalterlichen Legenden bis zu utopischen Zukunftsentwürfen. Doch während Hungersnöte die Menschheitsgeschichte prägten und die Landwirtschaft die Grundlage jeder Hochkultur bildete, stehen wir heute vor einer paradoxen Situation. Noch nie konnten so viele Menschen ernährt werden, und doch ist die Frage der gerechten und nachhaltigen Verteilung drängender denn je.

Algenfarm, Bruck an der Leitha, Österreich, 2023© Gregor Sailer

Algenfarm, Bruck an der Leitha, Österreich, 2023 © Gregor Sailer

Ernährung zwischen Mythos und Hightech

Mit „Cockaigne. Schlaraffenland der Zukunft?“ öffnet das NHM Wien bis 19. Juli 2026 einen Blick in eine Welt, in der Nahrung im Überfluss produziert werden könnte. Oder es zumindest so scheint. Der Titel verweist auf das mittelalterliche Fantasiereich Cockaigne, in dem gebratene Tauben in den Mund flogen.

Heute sind es vertikale Insektenfarmen, Container-Gewächshäuser in der Arktis oder Forschungseinrichtungen für extraterrestrische Landwirtschaft, die den Traum von grenzenloser Ernährung neu verhandeln. Gregor Sailer dokumentiert solche Orte mit der Präzision eines Forschers und der Sensibilität eines Künstlers. Er macht sichtbar, wie stark unsere Zukunftsvisionen von Technik geprägt sind.

Insektenfarm, Amiens, Frankreich, 2023 © Gregor Sailer

Insektenfarm, Amiens, Frankreich, 2023 © Gregor Sailer

Ernährung als Motor der Zivilisation

Historisch betrachtet war Nahrung stets der Motor gesellschaftlicher Entwicklung. Vom Übergang zu Ackerbau und Viehzucht bis zur Industrialisierung, die erstmals große Teile der Bevölkerung von der Feldarbeit befreite. Die strukturierte Ernährung war Macht, Kultur und Alltag.

Landwirtschaft ist nie reine Natur, sondern gestaltete Landschaft. Sie ist ein Spiegel menschlicher Werte, Hierarchien und Hoffnungen. Sailers Bilder knüpfen an diese kulturhistorische Dimension an und zeigen, wie sich die Beziehung zwischen Mensch, Umwelt und Technologie erneut wandelt.

Visionen für wachsende Bevölkerung

Angesichts einer globalen Bevölkerung von bald zehn Milliarden Menschen wird die Frage nach künftigen Nahrungsquellen immer drängender. Alternative Proteinquellen wie Insekten, Algen oder kultiviertes Fleisch, automatisierte Agrarsysteme und Weltraumforschung sind längst keine Science-Fiction mehr.

Sailers Fotografien konfrontieren uns mit einer möglichen Zukunft: effizient, standardisiert, vielleicht nachhaltig, aber auch entfremdet. „Cockaigne“ ist ein gedanklicher Parcours durch Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft unserer Ernährung. Die Schau regt dazu an, über das eigene Verhältnis zu Nahrung, Natur und Fortschritt nachzudenken – und über die Frage, welches Schlaraffenland wir uns wirklich wünschen.

„Cockaigne. Schlaraffenland der Zukunft?”
Bis 19. Juli 2026
Naturhistorisches Museum, 1010 Wien