Mitspielen als Muss

König Ubu: Viel Wucht, wenig Verschnaufpause

Advertorial

Von der Redaktion empfohlen

Zwei Bühnenstars in Hochform, jede Menge Chaos und ein Publikum, das selbst ins Geschehen gerät: Stefan Bachmanns „König Ubu“ am Burgtheater startet fulminant. Doch die Machtgroteske verlangt ihren Zuschauern einiges ab.

Muhend ins Chaos

Schon der Auftakt lässt ahnen: Ein gemütlicher Theaterabend wird das nicht. Eine schwarz-weiß gefleckte Kuh schiebt sich muhend durch die Sitzreihen. Dem Tierkostüm entsteigen Stefanie Reinsperger und Sebastian Wendelin – und schon übernehmen die beiden das Kommando. Mit einem kräftigen „Schreiße!“ beginnt ein Abend, der auf gute Manieren wenig Wert legt.

Regisseur Stefan Bachmann bringt Alfred Jarrys „König Ubu“ als bitterböses Spiel über Macht, Gier und Unterwerfung auf die Bühne. Dabei wird auch der Zuschauerraum zum Herrschaftsgebiet des skrupellosen Paares.

Gier nach der Macht

Die Geschichte ist ebenso absurd wie erschreckend: Angestachelt von seiner Frau, lässt Vater Ubu den König ermorden und reißt die Herrschaft an sich. Danach wird geplündert, unterdrückt und jeder aus dem Weg geräumt, der den neuen Machthabern nicht passt.

Was wie ein entgleistes Kasperltheater wirkt, hat einen ernsten Kern. Jarrys 1896 uraufgeführtes Stück zeigt, wie schnell politische Macht zum Werkzeug persönlicher Bereicherung wird. Die Parallelen zur Gegenwart drängen sich auf. Eine bestimmte Politikerfigur muss Bachmann dafür gar nicht auf die Bühne stellen.

Ein starkes Duo

Das Herzstück der Inszenierung sind ihre beiden Hauptdarsteller. Stefanie Reinsperger gibt Vater Ubu mit einer Wucht, die das ganze Haus erfasst. Sie brüllt, droht und kommandiert mit hemmungsloser Spielfreude. Ihre Figur ist lächerlich und furchteinflößend zugleich.

Sebastian Wendelin steht ihr als Mutter Ubu um nichts nach. Verschlagen, grotesk und mit präzisem Körpereinsatz treibt er das Machtspiel voran. Gemeinsam bilden die beiden ein Despotenpaar, dem man mit Vergnügen beim Wüten zusieht.

Joachim Meyerhoff musste seine Mitwirkung aus gesundheitlichen Gründen beenden. In einer persönlichen Erklärung bedauerte er den Rückzug und würdigte die Zusammenarbeit mit Bachmann.

Mitmachen als Muss

Weniger Vergnügen bereitet auf Dauer die Einbindung des Publikums. Zuschauer werden angeleuchtet, beschimpft, zum Mitspielen aufgefordert und auf die Bühne geholt. Dort müssen sie beim Königsmord mitwirken oder werden selbst zu Opfern der Ubus.

Anfangs sorgt das für Spannung und macht die Willkür der Herrschenden unmittelbar spürbar. Doch der Effekt nutzt sich ab. Wer ständig überlegen muss, ob der nächste Scheinwerferkegel die eigene unfreiwillige Mitwirkung ankündigt, verliert irgendwann die Freude am Zuschauen. Die Dauerprovokation strapaziert die Nerven und bringt inhaltlich zunehmend wenig Neues.

Starker Schluss

Auch die Erweiterung um „Ubu Hahnrei“ und „Ubu in Ketten“ bekommt dem Abend nicht durchgehend gut. Nach dem schwungvollen Beginn verliert sich die Inszenierung zwischen grotesken Bildern, Musik und Slapstick.

Zum Schluss gewinnt sie allerdings wieder an Schärfe: Die Ubus wollen plötzlich als Sklaven leben, während sich die vermeintlich freien Bürger nach Unterwerfung sehnen. Dahinter steckt eine unbequeme Frage: Wie viel Freiheit wollen Menschen tatsächlich, wenn sie dafür selbst Verantwortung übernehmen müssen?

So bleibt ein Abend mit großen schauspielerischen Momenten und spürbaren Längen. Reinsperger und Wendelin sind den Besuch wert. Etwas weniger erzwungenes Mitmachen hätte ihrer mitreißenden Vorstellung gutgetan.

„König Ubu“, von Alfred Jarry, Regie: Stefan Bachmann, Burgtheater. Informationen und Karten: www.burgtheater.at

Kritik von Ursula R. Scheidl

KÖNIG UBU
©Tommy Hetzel
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