Bereits die vierte Premiere der laufenden Saison zeigt das Ensemble aktuell in der Volksoper. Der Abend vereint Werke von Jerome Robbins, Pam Tanowitz, Lar Lubovitch und Jessica Lang zu einem eindrucksvollen Panorama amerikanischer Tanzkunst. Unterschiedlicher könnten die Stile kaum sein – und genau darin liegt die Stärke dieser Produktion.

Schwungvoller Auftakt mit Broadway-Flair

Den Beginn macht Jerome Robbins’ „Interplay“, das bereits 1945 uraufgeführt wurde und bis heute nichts von seiner Energie verloren hat. Zu den jazzigen Klängen von Morton Gould, am Klavier präzise interpretiert von Seika Ishida, entwickelt sich auf der Bühne ein quirliges Spiel aus Konkurrenz, Charme und jugendlicher Dynamik.
Acht Tänzerinnen und Tänzer wirbeln mit sichtbarer Freude über die Bühne und lassen dabei bereits jene Energie aufblitzen, die Robbins später mit der „West Side Story“ weltberühmt machen sollte. Das Wiener Staatsballett überzeugt dabei mit rhythmischer Präzision und lässiger Eleganz.

Moderne Brüche und stille Nähe

Im Mittelteil stehen zwei sehr unterschiedliche Pas de deux im Mittelpunkt. Pam Tanowitz sorgt mit „Dispatch Duet“ für überraschende Momente: Vertraute Ballettbewegungen werden bewusst gebrochen, Gewichte verschoben und klassische Linien neu gedacht. Die Musik von Ted Hearne unterstreicht diese verspielte Verfremdung gekonnt. Das Stück wirkt modern, intelligent und angenehm unaufgeregt.Ganz anders präsentiert sich Lar Lubovitchs „Each In Their Own Time“. Das während der Pandemie entstandene Duett entwickelt zu Brahms eine beinahe meditative Ruhe. Davide Dato und Rinaldo Venuti tanzen mit großer Sensibilität und emotionaler Offenheit. Unterstützt von Shino Takizawa am Klavier entsteht ein bewegender Dialog über Isolation, Nähe und gegenseitigen Halt.

Emotionaler Höhepunkt nach der Pause

Für den stärksten Moment des Abends sorgt schließlich Jessica Langs „Let Me Mingle Tears With Thee“ zu Pergolesis „Stabat Mater“. Die Choreografin verwandelt das religiöse Schmerzensbild der trauernden Maria in ein universelles Bild für Verlust, Mitgefühl und menschliche Verletzlichkeit.

Mit fließenden Gruppenformationen, eleganten Stoffbildern und einer eindringlichen Bewegungssprache entsteht eine enorme emotionale Kraft. Besonders beeindruckend: Die Rollen bleiben offen – jede und jeder kann trauernd, tröstend oder verletzlich sein.
Auch musikalisch überzeugt die Produktion auf ganzer Linie. Anita Götz und Jasmin White verleihen Pergolesis Musik große Intensität und verschmelzen nahezu mit dem Bühnengeschehen.

Eindrucksvoller Abend mit Tiefgang

„American Signatures“ ist weit mehr als nur eine Werkschau amerikanischer Choreografie. Der Abend zeigt eindrucksvoll, wie Tanz gesellschaftliche und emotionale Zustände sichtbar machen kann – von Aufbruchsstimmung über Isolation bis hin zu Trost und Trauer.
Das Wiener Staatsballett präsentiert sich dabei technisch stark, stilistisch flexibel und emotional außergewöhnlich präsent. Ein klug zusammengestellter Ballettabend, der noch lange nachwirkt.

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Each In Their Own Time

©Ashley Taylor

Dispatch Duet

©Ashley Taylor

Interplay

©Ashley Taylor