NHM Wien gibt menschliche Schädel zurück

(C) Dujmic Bubu: Das NHM restituierte menschliche Überreste.

Im Rahmen einer feierlichen Zeremonie wurden am 14. Februar 2022 menschliche Überreste (iwi kūpuna) aus der Sammlung des Natur Historischen Museums Wien an eine Delegation des Office of Hawaiian Affairs (OHA) zurückgegeben.

Delegation aus Hawaii

An der zeremoniellen Repatriierung zweier menschlicher Schädel nahmen als Vertreterinnen und Vertretern des Office of Hawaiian Affairs und als Delegation der Hui Iwi Kuamo’o teil. Empfangen wurde die Delegation von Vizekanzler Werner Kogler als Vertreter der Bundesrepublik Österreich, von US-Botschafterin Victoria Reggie Kennedy und von Generaldirektorin Dr. Katrin Vohland und Anthropologin Prof. Dr. Sabine Eggers vom Naturhistorischen Museum Wien. Nach einem hawaiianischen Gebet (Pule) und Ansprachen der Vertreter wurde schließlich das offizielle Übergabeprotokoll in den Museumsräumlichkeiten unterzeichnet.

Grabraub

Bei den menschlichen Überresten aus Hawaii (iwi kūpuna), die im 19. Jahrhundert in das NHM Wien eingegliedert wurden, handelt es sich um zwei Schädel, den eines Mannes und den einer Frau. Nach intensiver interdisziplinärer Provenienzrecherche über die Herkunft der Gebeine ist davon auszugehen, dass diese gegen den Willen der indigenen hawaiianischen Gesellschaft aus Gräbern geraubt wurden. Beide iwi kūpuna seien demnach durch die Plünderung von Grabstätten auf der Insel O’ahu um 1850 durch den englischen Geologen und Händler William Lowthian Green (1819-1894) erworben.

„Es liegt in unser aller Verantwortung, die Aufarbeitung der Verflechtung mit der Kolonialgeschichte voranzutreiben, um Verzeihung zu bitten und den Dialog zu starten. Als Vizekanzler der Republik Österreich möchte ich den geschätzten Gästen aus Hawaii mein tiefstes Bedauern auszudrücken. Mein Bedauern, dass an ihren Ahnen Unrecht begangen wurde. Mein Bedauern, dass die Grabstätten ihrer Ahnen entweiht wurden. Und mein Bedauern, dass die Totenruhe gestört wurde. Dafür, dass die Störung der Totenruhe bis zum heutigen Tag angehalten hat, möchte ich mich entschuldigen“, so Vizekanzler Werner Kogler.

Weg nach Wien

Über den englischen Arzt Joseph Barnard Davis (1800-1881) gelangten sie wahrscheinlich an den österreichischen Arzt und Schädelforscher Augustin Weisbach (1837-1914). Teile seiner Sammlung wurden damals an das NHM Wien übergeben.

Aufgrund dieses Gutachtens und unter Verweis auf internationale Ethikstandards, wie insbesondere Art. 12 der United Nations Declaration on the Rights of Indigenous Peoples, entschied die Republik Österreich, dem Ansuchen des Office of Hawaiian Affaris um Repatriierung dieser beiden iwi kūpuna zu entsprechen.

„Die Aufarbeitung der Zeit des Kolonialismus ist ein wichtiges kulturpolitisches Anliegen der österreichischen Bundesregierung, sie ist aber vor allem im Hinblick auf die Verantwortung für unsere Vergangenheit ein Gebot der Stunde. Vor diesem Hintergrund haben wir ein Expertengremium zur Erarbeitung von Richtlinien für den Umgang mit diesen Fragen eingerichtet, und vor diesem Hintergrund sind auch die Bemühungen Österreichs zu sehen, Ansuchen um Repatriierung von menschlichen Überresten entsprechend zu begegnen und Rückgaben in einem angemessenen Rahmen zu ermöglichen. Auch ich möchte den Vertreterinnen und Vertretern des Office of Hawaiian Affairs mein tiefes Bedauern ausdrücken“, betont Kunst- und Kulturstaatsekretärin Mag. Andrea Mayer.

Unrecht

Mit der Rückgabe von menschlichen Überresten soll das ethische und moralische Unrecht anerkannt werden, welches durch die rücksichtlose Sammlungspraxis vergangener Jahrhunderte entstanden ist. Sterbliche Überreste indigener Angehöriger wurden unter Missachtung religiöser Vorstellungen der indigenen Bevölkerung außer Landes geschafft, natur- und kulturwissenschaftlich studiert und nicht selten öffentlich zur Schau gestellt. Das Ziel der Repatriierung menschlicher Überreste aus musealen Sammlungen ist die Rehumanisierung und somit die damit einhergehende Wiederherstellung der individuellen Würde der Verstorbenen.

„Es war ein wichtiger Prozess, dass die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus Hawaii und Österreich diese Forschungen zur Provenienz gemeinsam durchgeführt haben“, betont NHM Wien- Generaldirektorin Dr. Katrin Vohland. „In diesem Fall ist die Sachlage sehr klar und es gibt auch eine gut organisierte Gemeinschaft, die die Schädel entgegennimmt. Es wird deutlich, wie wichtig interdisziplinäre und internationale Forschung zu Provenienzen ist, die neben naturkundlichen und historischen auch kulturwissenschaftliche Erkenntnisse einbringt.“

(C) NHM Wien/APA-Fotoservice/Juhasz: V.l.n.r.: Vizekanzler Mag. Werner Kogler, NHM Wien-Generaldirektorin Dr. Katrin Vohland, US-Botschafterin Dr. Victoria Reggie Kennedy, Vertreterinnen & Vertreter des Office of Hawaiian Affairs und als Delegation der Hui Iwi Kuamo’o: Edward Halealoha Ayau, Kaumakaiwa Kanaka’ole, Brandy Kalehua Kamohalii Caceres, Norman Christopher Moore Kaleilani Caceres