Im Zentrum der Geschichte steht „Version 8.03“, ein Datenbereinigungsprogramm namens Sisyphos. Was zunächst technisch klingt, entwickelt sich rasch zu einer philosophischen Reise: Das Programm beginnt, über sich selbst hinauszudenken – und vor allem zu fühlen. Der Wunsch nach einer „handgreiflichen Welt“ führt schließlich zur Erschaffung eines Alter Ego.

Dieses Alter Ego ist Peter Kaltenbacher, ein Statiker in Wien. Seine Figur ist geprägt von familiären Brüchen und dem inneren Bedürfnis, Ordnung in ein chaotisches Leben zu bringen. Weinheimer verbindet hier gekonnt digitale Logik mit menschlicher Fragilität.

Ein Zirkus als Spiegel der Seele

Während Sisyphos versucht, die Welt zu verstehen, gerät Peter in den Bann eines wandernden Zirkus. Dieser wird zum zentralen Schauplatz des Romans: ein Ort voller Magie, Morbidität und sinnlicher Intensität.

Besonders eindrucksvoll gelingt die Figur der Trapezkünstlerin Jana Morgana. In ihr bündeln sich zentrale Themen des Buches – Liebe, Identität und die Zerbrechlichkeit zwischenmenschlicher Beziehungen. Der Zirkus wird so zum Spiegel innerer Zustände, zu einem Raum, in dem Realität und Illusion verschwimmen.

Sprache mit Ecken und Kanten

Auch stilistisch hebt sich Weinheimer von vielen zeitgenössischen Autorinnen und Autoren ab. Seine Sprache ist bewusst rau, arbeitet mit ungewöhnlichen Metaphern und gezielten Brüchen. Diese „Patinierung“ verleiht dem Text eine körperliche Präsenz, die sich gegen glatte, sterile Perfektion stellt.

Der Roman fordert seine Leserinnen und Leser, bleibt dabei aber zugänglich. Immer wieder hält er ihnen einen Spiegel vor und lädt zur Reflexion ein.

Ein vielseitiger Künstler

Hubert Weinheimer, 1983 in Oberösterreich geboren und seit vielen Jahren in Wien lebend, ist nicht nur Schriftsteller, sondern auch Musiker und Theatermacher. Diese Vielseitigkeit spiegelt sich deutlich in seiner Prosa wider.

Sein Zugang ist klar formuliert: „Alles, was keimfrei und perfekt zu sein versucht, ist zwangsläufig ‚uncanny‘ oder überhaupt tot.“ Genau diese Haltung prägt auch „Zirkus Morgana“.

Lesungen: https://www.muerysalzmann.com/kalender

Hubert Weinheimer: „Zirkus Morgana
Verlag: Müry Salzmann
180 Seiten, 24,00 €
hubertweinheimer.net

 

Hubert Weinheimer

Hubert Weinheimer | ©Christina Jägersberger