Saubere Energie, rauer Wind

Wie Wien versucht, die Urgewalt in die Stadt zu holen

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Wien gilt als die lebenswerteste Metropole der Welt – grün, sauber, zukunftsorientiert. Doch wer den Blick über die Skyline schweifen lässt, sucht die Giganten der Energiewende meist vergebens. Während in den flachen Weiten Niederösterreichs und des Burgenlands hunderte Windräder unermüdlich rotieren, herrscht in der Bundeshauptstadt in Sachen Windkraft fast schon Flaute. Warum ist das so? Ein Blick auf eine Handvoll Pioniere, die sich gegen die urbane Enge behaupten.

Wer der Donauinsel entlang spaziert, stößt in der Nähe der Steinspornbrücke auf ein technisches Fossil, das gleichzeitig ein Denkmal des Aufbruchs ist. Seit Mai 1997 dreht sich hier ein einzelnes, vergleichsweise kleines Windrad im Wiener Praterwind. Es ist das Erstgeborene der Stadt, ein Pionierprojekt aus einer Zeit, als die Energiewende noch in den Kinderschuhen steckte. Heute versorgt dieser Veteran gerade einmal rund 100 Haushalte mit Ökostrom. Er ist das emotionale Herzstück einer Debatte, die Wien seit Jahrzehnten spaltet: Wie viel Platz hat die saubere Energie in einer Millionenstadt?

Die neun ungleichen Giganten

Insgesamt sind es aktuell gerade einmal neun Windkraftanlagen, die sich auf Wiener Gemeindegebiet drehen. Zusammen bringen sie es auf eine installierte Leistung von rund 7,4 Megawatt (MW). Ein Tropfen auf den heißen Stein einer Metropole, die täglich gigantische Mengen Strom verschlingt. Und doch sind diese neun Anlagen architektonische und ökologische Meisterleistungen, versteckt an den Rändern der Stadt:

  • Das Insel-Windrad: Der Urvater nahe der Vienna Watersports Arena. Klein, charmant, aber technologisch längst von der Zeit überholt.
  • Der Windpark Unterlaa: Vier Anlagen im Süden des 10. Bezirks (Favoriten), direkt an der Stadtgrenze. Unter ihnen befindet sich ein echtes Unikat: das erste „Kunstwindrad“ Mitteleuropas, dessen Turm von einer Künstlerin gestaltet wurde, um die Technologie ästhetisch im urbanen Raum zu verankern.
  • Der Windpark Breitenlee: Drei moderne Anlagen im 22. Bezirk (Donaustadt). Hier, wo Wien noch landwirtschaftlich und weitläufig geprägt ist, bläst der Wind stark genug, um die Rotoren effizient anzutreiben.
  • Die Anlage Freudenau: Ein treuer Einzelkämpfer in Nachbarschaft zum Donaukraftwerk Freudenau, der seit 1998 unauffällig seinen Dienst verrichtet.

Das Dilemma der Dichte

Dass nicht längst mehr dieser weißen Riesen die Wiener Bezirke säumen, liegt an einem unüberwindbaren Gegner: der Geografie. Wien ist dicht verbaut, Wohnraum ist kostbar und streng geschützt. Großwindkraftanlagen benötigen enorme Sicherheitsabstände zu Wohngebäuden – nicht nur wegen des Schattenschlags, sondern auch wegen der Geräuschentwicklung. Wo Häuser stehen, darf kein Windrad gebaut werden. Und so schrumpfen die potenziellen Flächen im Stadtgebiet fast gegen null.

Doch die Stadt hat eine List parat. Wenn der Wind nicht in der Stadt geerntet werden kann, dann eben vor ihren Toren.

Wiens Energie wird ausgelagert

Hinter den Kulissen der Wiener Haushalte zieht der städtische Energieversorger Wien Energie längst die Fäden im großen Stil. Da auf eigenem Boden der Platz fehlt, investiert die Stadt massiv in “Exil-Windräder”. Weit über 140 Windkraftanlagen werden von den Wienern betrieben – allerdings auf den windreichen Hügeln Niederösterreichs, im Burgenland und in den windigen Höhen der Steiermark. Von dort fließt der saubere Strom über weite Leitungsnetze direkt in die Wiener Kaffeemaschinen, U-Bahnen und Fabriken.

Wien zeigt damit ein neues Gesicht der urbanen Energiewende: Sauberer Strom muss nicht zwingend dort erzeugt werden, wo er verbraucht wird. Die neun Windräder innerhalb der Stadtgrenzen sind somit weniger die Hauptkraftwerke der Stadt, sondern vielmehr weithin sichtbare Symbole. Sie erinnern die Wiener täglich daran, dass der Kampf gegen den Klimawandel auch vor den Toren der Walzermetropole nicht haltmacht – selbst wenn der Wind dafür manchmal aus einer anderen Richtung wehen muss.

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