Der Ty-KUHN mit Steck­tuch und Zigarre

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Dieter Chmelar über … den Gentleman, Grandseigneur & Genius des inspirierten und inspirierenden Sportjournalismus in Österreich: Michael Kuhn, der nun mit 88 starb, hatte Herz, Hirn und Humor – eine kleine Kolumne für einen großen Könner.

Ein Tycoon wollte er sicher nie sein – dafür war der weltmännische Wiener Kolumnist und Kommentator Michael Kuhn gut ein halbes Jahrhundert mit ganzem Herzen fokussiert auf Wahrheit und Witz, Sinn und Seele im Sport statt auf Meinungsmache oder Machtgehabe. Er war viel lieber der „Michl“ für seine Wegbegleiter und der „Onkel Michi“ für die nächste und übernächste Generation – auf beiden Seiten der Berichterstattung. Die jahrelange Doppelspitze als Star-Journalist mit fabelhaftem Fachwissen (bei der „Krone“ 1959–2006, beim ORF 1965–1993) legte Ty-Kuhns Charisma und Charakter frei: uneitel, unbeirrbar, unabhängig, stets unterhaltsam. Die hohe Kunst, die er beherrschte wie kein Zweiter: die Brillanz der Beiläufigkeit, also sein Plauderton in Wort und Schrift, oft auf feuilletonistischem Niveau.

Schalk im Nacken

Bei Kuhns würdigem Begräbnis am Grinzinger Friedhof berührten Erwin Steinhauers Abschiedsworte gut 200 namhafte Trauergäste (wie Hasil, Krankl, Moser-Pröll, Kogler). Dabei stellte er auch den Mythos eines Gendefekts richtig: „Am Fehlen seiner linken Hand war eine verschlungene Nabelschnur schuld – aber es hat ihn nie behindert.“ Kurier-Urgestein Wolfgang Winheim berichtete, dass Kuhn mit nur einer Hand seine messerscharfen Glossen („Stoppplicht“) schneller in die Tasten klopfte, als andere beidhändig nach Buchstaben rangen. Kuhn ging damit so selbstverständlich um, dass es viele nie bemerkten. Wie sehr ihm dabei der Schalk im Nacken saß, ruft ein Dialog mit einem Landeshauptmann in Erinnerung, der ihn jüngst entgeistert fragte: „Ui, wie is denn das passiert?“ Dem beschied Kuhn lakonisch: „Die hat mir ein Löwe abgebissen.“

Freund der Künste

Steinhauer meißelte auch das Bild des Humanisten Kuhn in Granit – er rezitierte Altgriechisch und huldigte dem Gott der Schmiede und des Feuers als olympischem Idol. Kuhn war ein Genussmensch – vom Wein bis zur Zigarre –, aber auch ein kundiger Kenner der schönen Künste. Die Salzburger Festspiele waren ihm ebenso wichtig wie ein Champions-League-Finale. Immer an seiner Seite: Ehefrau Helga. Die Star-Astrologin ging nur ein einziges Mal mit zu einem Ländermatch. Kuhn erzählte: „Nach 20 Minuten hab ich sie gefragt, wie’s ihr g’fallt – da hat sie g’sagt: ›Eh ganz gut, nur: Was hat der Mann in Schwarz, der da dauernd dazwischenpfeift, für eine Funktion?‹“

Mit Stecktuch im Grab

Unerschöpflich: Kuhns Anekdotenschatz. Etwa: „Der Kurzzeit-Teamchef Béla Guttmann geht in den 1960ern mit einem ÖFB-Funktionär auf der Kärntner Straße, als ein Passant den Hut zieht und ihn anstrahlt: ›Habe die Ehre, Herr Guttmann!‹ – Guttmann erwidert den Gruß höflich. Der ÖFB-Funktionär fragt nach wenigen Metern: ›Sagen Sie, wer war denn das?‹ Darauf Guttmann: ›Keine Ahnung, ich kenn ja nicht einmal SIE!‹“

P. S.: Der legendäre Intersport-Gründervater Purzl Klingohr küsste am offenen Grab sein selbstentworfenes Lieblingsstecktuch Kuhns und ließ es hinabflattern. Was er nicht wusste: Mit einem Pendant dieses Accessoires hatte die Witwe ihrem Michl schon den letzten Anzug geschmückt.

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