WIEN. Wer in diesen Tagen im Juli oder August morgens in die U-Bahn steigt oder mit dem Auto über den Gürtel fährt, erlebt ein kleines Alltags-Wunder: Kein Gedränge am Bahnsteig, freie Fahrt auf den Pendlerrouten und entspannte Parkplatzsuche in den Wohnbezirken. Es ist ein Phänomen, das jeder spürt, das sich aber in keinem Melderegister der Stadt direkt ablesen lässt. Denn während der Sommerferien schrumpft die Zwei-Millionen-Metropole Wien temporär ganz massiv. Doch um wie viele Menschen geht es hier eigentlich wirklich?
Da es bei Urlaubsreisen keine tägliche Abmeldepflicht gibt, lässt sich die genaue Zahl zwar nicht auf den Kopf genau beziffern. Ein Blick auf Pendlerdaten, Urlaubsstatistiken und studentische Ströme zeigt jedoch eine enorme Dimension: In den Spitzenwochen des Hochsommers ist Wien um schätzungsweise 250.000 bis 350.000 Menschen leerer als im restlichen Jahr.
Dieses massive, temporäre Minus von rund einer Viertelmillion Menschen setzt sich im Wesentlichen aus drei großen Gruppen zusammen.
1. Die urlaubenden Wienerinnen und Wiener
Der naheliegendste Grund für die sommerliche Leere ist die eigene Reiselust der Stadtbevölkerung. Statistisch gesehen fährt der Großteil der Österreicher im Laufe des Sommers für ein bis zwei Wochen auf Urlaub. Da sich diese Reisen über die gesamten neun Wochen der Sommerferien verteilen, befindet sich zu jedem beliebigen Zeitpunkt im Juli und August rund jede(r) Zehnte gar nicht in der Stadt. Für Wien bedeutet das: Permanent sind etwa 150.000 bis 200.000 Wienerinnen und Wiener auswärts am Strand, in den Bergen oder im Ausland unterwegs.
2. Der „Schulfrei-Effekt“ bei den Pendlern
Den größten spürbaren Hebel im täglichen Stadtbild macht jedoch eine ganz andere Gruppe aus: die Einpendler. An normalen Werktagen strömen üblicherweise rund 270.000 Menschen aus Niederösterreich und dem Burgenland zur Arbeit nach Wien. Im Sommer bricht diese Lawine regelrecht ein. Durch die Schul- und Semesterferien fallen die Schüler- und Studentenströme komplett weg. Zudem nutzen viele Einpendler die Zeit für den eigenen Urlaub oder arbeiten vermehrt im Homeoffice. Die Folge: Im Sommer fehlen täglich rund 100.000 Einpendler im Wiener Stadtbild.
3. Der studentische Abzug
Wien gilt mit rund 200.000 Studierenden als die größte Universitätsstadt im gesamten deutschsprachigen Raum. Doch im Juli und August ruht der Lehrbetrieb an den Universitäten und Fachhochschulen fast vollständig. Ein sehr großer Teil der Studierenden, die aus den Bundesländern oder dem Ausland nach Wien gezogen sind, kehrt der Stadt über die Sommermonate komplett den Rücken, um die vorlesungsfreie Zeit in der Heimat zu verbringen. Dadurch verliert Wien im Sommer noch einmal schätzungsweise 50.000 bis 70.000 Einwohner auf Zeit.
Der Gegeneffekt: Die Touristen füllen die Lücken nur teilweise
Dass Wien im Hochsommer dennoch nicht zu einer echten Geisterstadt mutiert, liegt an einem starken Gegeneffekt: dem Sommertourismus. Im Juli und August herrscht in der Bundeshauptstadt absolute Hochsaison für Städtereisende aus aller Welt.
Dieses Plus an Menschen füllt das riesige Loch, das die Urlauber hinterlassen, jedoch nur sehr punktuell auf. Da sich die Touristenströme primär auf die historische Innenstadt und die ganz großen Sehenswürdigkeiten wie das Schloss Schönbrunn oder das Belvedere konzentrieren, bleibt der Effekt in den klassischen Wohnbezirken, den U-Bahnen der Wiener Linien und auf den großen Verkehrsachsen unverändert. Für die Daheimgebliebenen bedeutet das: Sie haben ihr Wien im Sommer für ein paar Wochen fast ganz für sich allein.

