WIEN. Es braucht nicht mehr als den sanften Druck eines Kugelschreibers. Ein kurzes Drücken, und das Material zerbröselt zu feinstem Staub. Doch was hier auf den ersten Blick wie gewöhnlicher, etwas brüchiger Straßenbelag aussieht, ist in Wahrheit eine tickende gesundheitliche Zeitbombe. Greenpeace-Ermittler haben das giftige Geheimnis nun mitten in Wien und dem direkten Umland aufgedeckt: In dicht besiedelten Gebieten und auf stark befahrenen Hauptstraßen liegt hoch krebserregender Asbest – offen und ungeschützt.
Was im Burgenland als regionaler Umweltskandal begann und sich über die Steiermark, Niederösterreich und Ungarn ausbreitete, hat nun endgültig die Bundeshauptstadt erreicht. Nach entscheidenden Hinweisen aus der Bevölkerung hat Greenpeace erstmals auf acht Straßen in Wien und Umgebung sogenannten Asbest-Asphalt dokumentiert.
Das Labor bestätigt den schlimmsten Verdacht
Die Umweltschützer wollten es genau wissen. In der Rosenhügelstraße und der Stieglergasse entnahmen sie Proben der verdächtigen Einschlüsse und schickten sie ins Labor. Das Ergebnis ist alarmierend: Es handelt sich um nahezu reinen, hochgefährlichen Amphibolasbest. Greenpeace schätzt, dass die betroffenen Asphalte zu einem bis fünf Prozent aus dem gefährlichen Material bestehen. Zum Vergleich: Das entspricht der Konzentration in asbesthaltigem Fliesenkleber – ein Material, bei dessen Sanierung im Normalfall schwerste Sicherheits- und Atemschutzmaßnahmen vorgeschrieben sind.
In Wien betrifft der Fund vor allem den Bezirk Liesing. Die giftige Spur zieht sich durch Wohn- und Siedlungsgebiete:
- Wernergasse
- Bertegasse
- Wastlgasse
- Stieglergasse
- Anton-Freunschlag-Gasse
- Reibergasse
Besonders brisant: Auch die Pendleradern sind betroffen. An der Grenze zwischen Wien und Niederösterreich ist knapp ein Kilometer der stark frequentierten Triester Straße mit dem Asbest-Asphalt belastet. Im direkten Wiener Umland schlägt die Asbest-Falle ebenfalls zu – Funde gab es in Breitenfurt sowie auf einer Spielstraße in Wiener Neudorf.
Gefahr bei jedem Reifenüberroll
„Seit Monaten melden sich besorgte Menschen bei uns mit Hinweisen auf asbestbelastete Straßen, Einfahrten und Spielplätze“, erklärt Stefan Stadler, Sprecher des Greenpeace Investigativ-Teams. „Jetzt ist auch Wien betroffen, denn wir haben Asbest-Asphalte in dicht besiedelten Gebieten und sogar auf stark befahrenen Straßen entdeckt.“
Die Dynamik auf einer Hauptstraße wie der Triester Straße ist fatal. Durch den permanenten Schwerverkehr und den Druck der Reifen wird das ohnehin brüchige Material bei jedem Drüberfahren mechanisch beansprucht. Die unsichtbare Gefahr: Dabei können potenziell die winzigen, hochgradig krebserregenden Asbestfasern in die Luft freigesetzt und von Passanten, Anwohnern und Autofahrern eingeatmet werden.
Bürger-Detektive gegen die staatliche Untätigkeit
Während die ungarischen Behörden bereits mit Hilfe der Bevölkerung einen offiziellen Asbestkataster erstellen, herrscht in Österreich laut Greenpeace politischer Stillstand. Im Burgenland gibt es zwar seit einem halben Jahr eine eigene Taskforce, doch wo das giftige Material überall verbaut wurde, ist nach wie vor völlig unklar.
Weil die Behörden und die Regierung aus Sicht von Greenpeace säumig sind, nehmen die Umweltschützer die Sache nun selbst in die Hand. Sie haben eine interaktive Online-Karte ins Leben gerufen. Ab sofort können Bürgerinnen und Bürger über ein Online-Formular Verdachtsfälle in ihrer Umgebung – seien es Vorgärten, Kinderspielplätze, Krankenhäuser oder Wege – direkt melden. Nach einer internen Prüfung werden diese Flächen für alle sichtbar auf der Karte eingetragen. Mehr als 300 Meldungen sind so bereits eingegangen, an über 65 Orten wurde der Asbest bereits final dokumentiert.
Die Forderung nach Hilfe für die Opfer
Die Umweltschützer sehen jetzt Bundeskanzler Stocker am Zug. Dessen Asbest-Arbeitsgruppe müsse endlich, ähnlich wie in Ungarn, umfassende staatliche Untersuchungen einleiten. Doch es geht nicht mehr nur um Aufklärung, sondern um handfeste finanzielle Hilfe für die Betroffenen, die mit dem Gift vor ihrer Haustür allein gelassen werden.
„Sie werden bei der Asbest-Entsorgung und der Finanzierung für die Sanierung im Stich gelassen“, warnt Stefan Stadler. Greenpeace fordert daher den Bundeskanzler auf, rasch Mittel aus dem Katastrophenfonds bereitzustellen. Nur so könne eine schnelle, sichere und vor allem kostengünstige Entsorgung des gefährlichen Asbestschotters für die vielen Opfer dieses beispiellosen Umweltskandals gewährleistet werden.

